Montag, 29. November 2010

B-SEITE / Song 8: Zeit zu Leben und zu Lieben

„Liebe bedeutet nicht nur,
daß man sich gegenseitig in die Augen schaut
sondern auch, daß man gemeinsam
in die gleiche Richtung blickt.“
(Antoine de Saint-Exupéry)

(...)
war ungläubig und fassungslos, als ihr Mann ihr am 21. Juli 2004 nach 24 Ehejahren und nur wenige Wochen nach dem als Versöhnungsurlaub gedachten Ägypten-Trip mitteilte, dass er sich in Jena eine eigene Wohnung gemietet habe. Beide stritten sich darauf heftig, dazu noch in Gegenwart von Caro und Georgia, und trotzdem bat Sabi ihren Mann, während der bereits seine Sachen packte, darum, gemeinsam eine Eheberatung aufzusuchen, hatte sogar schon eine Eheberaterin parat, aber Charly blockte komplett ab und sagte, er habe sich "die Sache lange und gut überlegt" und da sei "leider nichts mehr zu machen."

Sabine wiederum schrie Charly an, dass er nun komplett durchgedreht sei und fragte, ob er denn gleich mit Uschi zusammen ziehen wolle oder erst später. Selbst in diesem Moment der Wahrheit stritt Charly noch alles ab und sagte, dies sei völliger Blödsinn und zeige ihm wieder und noch einmal, weshalb es die richtige Entscheidung sei, sie zu verlassen, worauf seine Frau in Fatalismus verfiel, die Schuld nun tatsächlich bei sich suchte und dachte, es sei besser, Charly erst einmal ziehen zu lassen, vielleicht würde sich am nächsten Tag ja alles wieder (...)

(...) Immer wieder versuchte Sabine in den folgenden Wochen, Charly davon zu überzeugen, dass er wieder zurück zu seiner Familie kommen müsse, aber der bewunderte bei allen ihren Versuchen nur Uschis Weisheit, die ihm das Alles bereits prophezeit hatte ... und klugerweise erst einmal in Berlin zurück blieb.

Ende 2004 hielten es Uschi und Charly aber dann doch nicht mehr aus und die Kommunikationstrainerin zog zusammen mit ihrer Tochter Doreen von Berlin nach Jena in eine komfortable Wohnung in dem Kernbergen mit Blick auf den Fuchsturm und etablierte dort ihre Firma „U-MA Kommunikation und Training“ neu. Die beiden Verliebten verbrachten ein unvergessenes Weihnachtsfest in Jena und Charly war unfassbar glücklich mit der neuen Frau im Mittelpunkt seines Lebens.


Die wiederum war nicht faul darin, der Welt mitzuteilen, dass Charlys sie ehelichen wolle. Schon im Januar 2005 brachte die „Thüringer Allgemeine“ einen Artikel über die Firma U-MA, in dem Uschi als (Zitat) „in Kürze verheiratet mit einer Rocklegende“ vorgestellt wurde. Credo des Artikels: „In meinem Job als Kommunikationstrainerin spielt es keine Rolle, dass ich die künftige Ehefrau von Charly Davidson sein werde.“ - Jürgen Schulz wurde währenddessen von Charly und Uschi auf die Suche nach einem Haus in der Nähe von Jena geschickt, was vor allem Lars Voreigner missfiel. Der sagte Schulz, dass dieser das nicht machen müsse, er sei doch nicht Charly Davidsons Laufbursche.

In Münchenroda, rund 7 km vom Jenaer Stadtkern entfernt, fand Schulz Anfang 2005 ein kleines Neubauhaus zur Miete. Kaufen? Nein, das wäre verschwendetes Geld, hatte Uschi ihrem Schatz prophezeit, denn Sabine werde es wohl kaum ertragen können, zu sehen wie ihr „Ex-Mann“ immer wieder zu den Aufnahmen ins Studio am Saalbahnhof gehen würde, ohne Notiz von Ihr und den Kindern zu nehmen. Deshalb sollte Münchenroda ein Domizil „auf die Schnelle und nur für kurze Zeit“ sein, wie Uschi es ausdrückte. Damit war klar (...)

(...). vonstatten gehen sollte und wer der neue Produzent war, das konnte man in der Ausgabe 06/2005 des ROLLING TONE lesen:

Charly Davidson, nach eigener Überzeugung „Deutschlands letzte Hoffnung auf den Pop-Olymp“, ist derzeit wieder frei und trotzdem nicht mehr zu haben. Es sei, so Davidson, schon wieder unterwegs auf neuen Pfaden, so Davidson bei einer Pressekonferenz im „Berlin Plaza“. Nachdem ihm die rückläufigen Verkaufszahlen der letzten Produktionen die dringende Empfehlung gegeben hätten, bei seinem nächsten Album auf Nummer sicher zu gehen, sei er derzeit in den Berliner MEMENTO STUDIOS von Erfolgsproduzent Frank Wasa und arbeite an einem neuen Album.

Wasa will Davidson wieder zu Charts-Erfolgen verhelfen. Hierfür hat er einige talentierte Komponisten einem Charly Davidson Song-Contest unterzogen, die ChD nun einen Hit auf den Leib schreiben sollen. Bereits einen Monat vor Weihnachten soll das Album mit dem Titel 'REIZWOLF' erscheinen und, so Wasa weiter, mindestens drei potentielle Hits enthalten. „Ich bin der Reizwolf, der den Deutschen schon seit Jahren immer wieder Wunden beißt. Das neue Album wird einmal mehr zeigen, dass ich noch alle meine Zähne habe.“, sagte Davidson vor der Presse.

Als Gitarrist sei Helmut Prosa „natürlich unersetzbar”, so Davidson. Deshalb mache ihm die Suche nach einem adäquaten Gitarristen auch so viel Spaß. „Vielleicht wird sogar Lukas in die Band zurückkehren“, eröffnete er die Spekulationen; gemeint war damit sein Ex-Partner Lukas Linde, mit welchem er 1982 seine musikalische Karriere begann.
Man werde auf jeden Fall „ein perfektes Album“ präsentieren, „ohne Bruch und Tadel“, wie Charly versicherte.

„So groß ist die Umstellung ja gar nicht“, so ChD am Ende seiner Pressekonferenz zum Wechsel zwischen Prosa und Wasa. „Beide haben ein 'sa' am Ende ihres Namens. Das macht die Sache für mich einfacher.“


Im Mai 2005 hatte demnach in Berlin die Aufnahmen zum „REIZWOLF“ begonnen und gleichzeitig war Uschi von den Jenaer Kernbergen in das gemeinsame Domizil nach Münchenroda gezogen. Eingerichtet hatte sie es ihrem Charly in warmen Holztönen, mit Weidenkorb- und Rattangeflecht nebst passenden blassgrünen Vorhangstoffen und endlich hatte Geld einmal keine Rolle für sie gespielt, obwohl sie Charly gegenüber betont hatte, dass man von nun an ganz sparsam werde leben müssen; mit der Verschwenderei seiner Ex-Frau sei nun endgültig Schluss.

Und noch mehr tat sie für ihn: Uschi vermittelte ihn an RTL 2 in die „VIP-Küche“, eine Fernsehsendung, bei der Charly vor einer Livekamera ein 3-Gänge-Menü kredenzte, bestehend aus „Paula In The Sky With Diamonds“ als Vorspeise, dem Hauptgang „Langustenbrust auf verrückten Kartoffeln“ und es gab „Tote Oma in Cranberry-Creme“ als Nachspeise. Vor allem die Langusten blieben seinen Gästen und den live zuschauenden TV-Glotzern dabei fast im Halse stecken, wie später noch beschrieben wird.

Mit dem Fortgang des Frühlings blühte dann auch Uschis Pressearbeit so richtig auf und es durfte zum Beispiel die Illustrierte NIVEAU, übrigens zeitgleich zum „Reizwolf“-Artikel im MUSIKMAGAZIN, exklusiv über das neue Liebespaar berichten:

DAVIDSON HEIRATET UNGEZWUNGEN

Deutsch-Rocksänger Charly Davidson verbittet sich bei seiner Hochzeit im Herbst Formalitäten ebenso wie kindische Rituale. Das erklärte jetzt seine Verlobte, Uschi Maus.


Eingeladen habe der 47-Jährige weniger als 30 Gäste. Da Davidson kein Knigge-Anhänger sei, werden die Gäste auch nicht mit einem Gala-Diner versorgt. „Für ihn gibt es jugoslawisches Essen und für mich Finger- Food. Jeder kann sich selbst bedienen“, sagt die neue Frau an seiner Seite, die von Beruf eine erfolgreiche Kommunikationsexpertin ist.

Davidson hatte sich im letzten Jahr nach mehr 25 Ehejahren von seiner damaligen Frau getrennt.


------------------------------------------------------------------------------
Anmerkung: Die Songtitel „Zeit zu Leben und zu Lieben“ sowie das Pendant auf der A-Seite, „Zeit zu Lieben und zu Leben“, gehen zurück auf einen Text des amerikanischen Predigers Dr. Bob Moorehead sowie auf das Buch „Fangt an zu leben und zu lieben! Menetekel und Aktion in Offenbach“ von Rainer Golembiewski, Christina Nagel-Woitalla und Günter Burkart (1981, Saalbau Verlag Offenbach)

Donnerstag, 25. November 2010

B-SEITE / Song 7: Wie soll man wissen, was man nicht weiß

„So war das nicht gedacht
mit der Freiheit und so, so mit Aus und KO,
so mit der Brüderlichkeit wie bei Abel und Kain,
und die Frau muß gebährn unterm Heiligenschein.“
(Reinhard Lakomy & Monika Ehrhardt)

(...) den medialen Boden mit seinen Alben „DIE LETZTE ÖLUNG“ (2000) und „BEGRÄBNIS“ (2002), den beiden ersten Teilen seiner „intellektuellen Todestrilogie“, wie DER SPIEGEL sie später nannte, geebnet und ihn danach während einer EINS LIVE Radiosendung auch noch kräftig gedüngt.

Einer verdutzten Radio-Moderatorin erklärte Charly Davidson 2003, das, was derzeit ständig im deutschen Radio laufe, sei „...kompletter textlicher Müll.“ „Das können sicherlich viele Leute sagen, aber doch nicht Sie, Herr Davidson, mit Ihrem Background und Wissen um die Musikszene in Deutschland. Bands wie DIE ÄRZTE und Xavier Naidou machen doch wirklich ordentliche Texte“, versuchte sie zu beschwichtigen und fügte an, „...oder Samy DeLuxe, den Sie ja gut kennen, der wird manchmal fast schon intellektuell in seinen Botschaften.“ - „Keine Ahnung, worüber Sie reden“, antwortete ihr Charly darauf patzig.

„Also, es gibt doch in Deutschland nicht nur Sie, es gibt doch auch gute deutsche Texte von Anderen.“, konterte ihn die Moderatorin. Als sie es kurz darauf auch noch wagte, Charly auf seinen, von der GLOBA nach achtzehn Jahren Zusammenarbeit beendeten Plattenvertrag anzusprechen, verlor dieser vollends die Contenance und das live im Radio.

„Ich hab doch gesagt, dass ich über diese Scheiße nicht sprechen will. Ich will nichts darüber hören, dass literarische Texte meine ‚erste Liebe‘ gewesen sein sollen. Sie würden ja auch nicht zu Bob Dylan sagen, Musik sei seine ‚erste Liebe‘ gewesen, oder?

Das Interview machte im Internet schnell die Runde und die Quittung kam postwendend und zwar nicht nur in Form des ÄRZTE-Songs in dem es weiter hieß „Wärst Du ‘ne Kirchentür, Du hingst voller Thesen, Besserwissermann, Du bist das perfekte Lebewesen.“

Zu anspruchsvollen TV-Interviews lud man Charly nach dessen Wutausbruch bei EINS LIVE nicht mehr ein, wenn es bei kleinen wie großen Festivals darum ging, wer noch auftreten werde und sein Namen fiel, sagten Bands und Interpreten reihenweise ab.
Dafür machte man sich in der Szene lustig über die verzweifelten Versuche der Rocklegende, im Fernsehen doch noch präsent zu sein, indem er sich bei Caroline Reiber oder dem MDR in Fernsehsendungen für ältere Semester begab.

In weniger als drei Jahren hatte sich Charly Davidson damit vom Podest der gefeierten Deutschrocklegende und des „Pop-Olympioniken“ in die Ecke des Clowns aus dem „Blauen Engel“ manövriert, mit dem in Deutschland kaum noch jemand etwas zu tun haben wollte, der in der Szene durch war, wie es inzwischen von einer vorgehaltener Hand zur nächsten weitererzählt wurde. Und das Schlimmste daran, was, dass Charly es noch nicht einmal bemerkte (...)

(...) „Glaubst Du, dass er mit dieser Frau schläft?“, wollte Sabi damals von Barbara Prosa wissen. „Hat er zu Helmut mal irgend eine Andeutung darüber gemacht?“ „Nein,“ habe ihr Barbara geantwortet und angefügt „Ich denke, er hätte mir was gesagt, wenn da etwas gewesen wäre.“

Einmal habe Helmut Charly gefragt, ob er Ursula Maus erotisch finden würde und Charly habe ihm geantwortet, dass er sie überhaupt nicht erotisch findet, nur ‚seelrotisch‘, „... also er meinte wohl, 'seine Seele antörnend'“, habe Barbara gesagt. „Was denkst Du darüber?“, habe Sabine Barbara nochmals gefragt. „Ich denke, ohne Sex ist die beste Beziehung nur eine Freundschaft. Vielleicht eine innige Freundschaft, aber eben nur eine Freundschaft.“, sagte Beate daraufhin und beruhigte Sabi damals wieder etwas.

Allerdings hatte Prosa seiner Barbara nicht alles erzählt, hatte das offen zur Schau getragene Händchenhalten von Charly und Uschi verschwiegen und hielt es damals überhaupt für klüger, sich möglichst wenig in Charlys Dinge einzumischen. So steuerte er auch nicht dagegen, als Charly Ende 2003 sein neuestes Album unter dem Titel „WISSEN-SCHAFFT-MACHT“ als Schluss seiner Platten-Trilogie aufnahm, weswegen Charly und Uschi anschließend wohl die Einzigen waren, die es wunderte, dass das Anfang 2004 beim neuen CBQ-Label erschienene Album noch nicht einmal eine Platzierung unter den Deutschen Top50 verbuchen (...)

(...) der Österreicher, der nun schon seit knapp zwei Jahrzehnten mit Charly Davidson zusammenarbeitete, war mit dem Ergebnis von „WISSEN-SCHAFFT-MACHT“, mehr jedoch mit den Früchten der letzten Jahre, äußerst unzufrieden, was er Charly nun ohne Umschweife vorhielt.

„Ich sagte ihm: 'Wie kann man in nur fünf Jahren alles beschädigen, was man sich in zwei Jahrzehnten zuvor aufgebaut hat. Wenn das Album wenigstens ein Elektro-Musik-Album geworden wäre, dann wäre es vielleicht noch zu vermarkten gewesen. So wurde es eine Art Therapie-Platte in dem Sinne, dass er das Studio hier als seine Spielwiese benutzt hat. Alles war möglich bei 'WISSEN-SCHAFFT-MACHT' - nur der Zeitrahmen, den wir uns selber gesetzt hatten, war die Grenze. Brainstorming, Ideen sammeln, ausführen, abhaken. Im Grunde ist das Album ja gar nicht so schlecht, im Nachinein betrachtet eigentlich ideal für ein Independent-Label wie CBQ. Klar kann ich mir heute die ganze Platte auch mehrfach anhören, aber 'kommerziell' ist anders.“

Vor allem machte Helmut Charly klar, dass dessen fahrlässiger Umgang mit Fans, Medien und die unfassbare politische Schnittmenge von ChD zusammen mit der Erweiterung seiner künstlerischer Interessen, viel zu viel war, um ein klares und erkennbares Künstlerbild zu kreieren, das, so hielt ihm Prosa vor, notwendig sei und wieder erfolgreiche Platten zu machen.

Charly hörte sich die Argumente seines Partners in Ruhe an, bat sich Bedenkzeit aus, flog mit Sabine nach
Ägypten in den Silberhochzeits-Urlaub...und kündigte dann Ende Mai 2004 seinen Vertrag mit Helmut und den anderen Mitgliedern der BEGLEITUNG III fristlos, war nun in allen Dingen frei. Jedenfalls in fast allen, denn es war zu erahnen, was dieser Entwicklung noch folgen sollte.

Über diese Zeit schrieb Charly - selbstverständlich mit dem Segen seiner neuen Herzdame Uschi - das Radio-Hörstück „SELTSAM: Wie ich lernte, mich nicht mehr zu verstehen“, in dem er zwar nicht direkt auf die Zäsur in seinem künstlerischen Leben einging, denn Charly beschrieb darin die Geschichte seiner Trennung von Lukas Linde 1984. Aber jeder Eingeweihte las zwischen den Zeilen alles Wichtige heraus.

"Sukiyaki" hieß in diesem Hörspiel Charlys Abschiedssong an seinen langjährigen Partner und die anderen Mitstreiter der bisherigen Begleitung.
"Sukiyaki", das japanische Eintopf-Gericht für die kalten Tage. Und die kamen nun unweigerlich auf Charly Davidson zu, denn möglicherweise hatte er mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit ihm.

Montag, 22. November 2010

B-SEITE / Song 6: Der schwarze Fleck

„I had some dreams,
They were clouds in my coffee, Clouds in my coffee“
(Carly Simon)

„Carly don't be sad
Life is crazy, Life is mad - Don't be afraid“
(Michael Cretu)

„Karli“, sagte Lukas und sprach sonst nichts. Er wirkte überrascht. Beide schauten sich lange an. „Gut siehst Du aus“, sagte Lukas, um die Pause zu beenden. Charly wollte nicht unhöflich sein und sagte ihm, dass er auch gut aussehen würde. „Ach komm“, antwortete Lukas ihm. „Ich weiß wie ich aussehe. Da brauchst Du nicht gleich bei unserem ersten Gespräch nach den ganzen Jahren zu lügen.“ Dann schaute er Charly allerdings interessiert an und fragte: „Was verschafft mir die Ehre?“

„Weißt Du, ich wollte seit Jahren sowieso wieder mal mit Dir reden, aber meine Kommunikationsexpertin sagt, dass ich Panikattacken habe und das nicht ‚einfach mal so‘ gehen wird. In einer solchen Situation, da besteht man nur aus Angst.“ antwortete Charly ihm.

„Es geht also um Dich“, entgegnete ihm Lukas.

„Nein, nein. So ein Quatsch. Ich bin doch wegen Dir gekommen, Lukas. Ich wollte mal sehen, wie’s Dir geht.“


„Mir?“ sagte Lukas Linde. „Mir geht es bescheiden“. „Ich dachte, Du wohnst immer noch in Bad Homburg.“ „Ich bin seit damals fünf Mal umgezogen“, war Lukas Antwort.

„Und was ist mit Beat?“, wollte Charly wissen. „Lebt ihr immer noch zusammen?“

„Fünfzehn herausgeschmissene Jahre waren das“, sagte Lukas zu ihm und wischte seine Hände am Kittel ab. „Weißt Du was, es ist gleich halb zwölf und da mache ich Mittag und wir gehen in eine Kneipe hier in der Nähe und trinken zusammen ein Bier.“ schlug er
(...)

(...) Wolgast war Programmkoordinator von RADIO USEDOM und von sich aus an Lars Voreigner herangetreten, weil er von der „Gute Aussichten“-Tour her wusste, dass Lars und Charly miteinander befreundet waren. Wolgast hatte diesen um ein privates Gespräch gebeten. Es sei dringend und es gehe um Charlys Zukunft, hatte er sich geheimnisvoll ausgedrückt. Das hatte Voreigner bewogen, sich überhaupt die Zeit für jemanden zu nehmen, den er nicht kannte. Als beide sich einige Wochen später in Hamburg trafen, hatte Gunnar Wolgast dann gleich die Katze aus dem Sack gelassen.

Ursula Maus sei, so berichtete er Voreigner, an verschiedenen Radiosendungen über Charly beteiligt gewesen und habe dabei für RADIO USEDOM umfangreiche Recherchen über ChD angestellt. Sie wisse, so Wolgast weiter, schon seit langem „Alles“ alles über Charly Davidson, seine Vorlieben, seine Abneigungen, „einfach alles“. Seit wann, wollte der White Boy wissen: „Schon bevor Charly und sie sich kennen gelernt haben?“. Wolgast nickte.

Nun war Lars Voreigner niemand, der etwas auf bloßes Geschwätz gab. „Kannst Du m,ir das mit irgend etwas belegen?“, fragte er Wolgast. Die Beweise, die Gunnar Wolgast ihm präsentierte, waren ebenso simpel wie beeindruckend: Ursula Maus war zweifelsfrei die Sprecherin der Off-Kommentare der 1999 produzierten Radio-Dokumentation. (...)

Wolgast übergab Voreigner beim zweiten Aufeinandertreffen eine hellblaue Kladde, auf der „Deutsche Reichsbahn“ stand und sagte „Hierin sind Unterlagen, die all das beweisen, was ich erzählt habe.“ Lars studierte die Unterlagen in Ruhe, darunter diverse Sendeanmeldungen und Texte, die mit „Ursula Maus“ unterzeichnet waren, von ihr geschriebene Berichte über das Radioprojekt „Ostseetöne“ - sogar die Kopie eines Kreditvertrag zwischen „Herrn Gunnar Wolgast und Frau Ursula Maus“ gehörte dazu - und er befand, dass diese Dinge echt sein mussten. Weshalb auch sollte sich den bitte jemand die Mühe und den Aufwand machen, solche Fälschungen zu erstellen? Nur um eine zwischenmenschliche Beziehung, die noch nicht einmal gefestigt war, zu zerstören? ... jetzt dämmerte es Voreigner. - „Wie lange waren sie beide ein Paar?“, fragte er und sah Gunnar Wolgast dabei in die Augen. Der wich seinem Blick zuerst aus, gab ihm dann aber die Antwort, die vieles erklärte.

Einen Tag später und nach reiflicher Überlegung telefonierte Lars ein weiteres Mal mit Charly und deutete ihm an, dass es wohl besser sei, wenn dieser sich mit Gunnar Wolgast einmal persönlich treffen würde. Details nannte er ihm nicht. Charly wiederum, war beunruhigt duch Voreigners Anruf und telefonierte gleich anschließend mit seiner Uschi - er war in Göttingen, sie in Berlin - und fragte sein Alter Ego, was Wolgast wohl mit ihm zu besprechen haben könne.

Die sonst so coole Kommunikationsexpertin wurde zuerst still, fing dann leise an, ins Telefon zu weinen an und bekam schon kurz danach einen hysterischen Anfall. „Dieses fiese Schwein,“ schrie sie Charly ins Telefon entgegen. „Kann der mich denn nicht endlich in Ruhe lassen?“ Dann brach das Gespräch (...)


(...) ließ sich von Schulz in Windeseile nach Göttingen zurück fahren und machte dort einen, mehr schlechten als rechten, Auftritt mit Helmut als „Duo Infernal“.

An den großen Lars Voreigner - BEATLES-Intimus und zugleich auch sein Freund - schickte er am nächsten Tag
eine E-Mail, in der er ihm schrieb, es sei nun an der Zeit, dass dieser sich nicht mehr weiter ungefragt in seine, Charlys, Privatangelegenheiten einmische. Der verstand die Botschaft und antwortete Charly sofort, ebefalls via E-Mail. Voreigner schrieb ihm, dass er seinem Wunsch entsprechen werde, reduzierte unverzüglich den weiteren Kontakt mit Charly Davidson auf das geringst mögliche Maß und verkehrte zur großen Verwunderung des restlichen „Davidson Clans“ fortan, nur noch geschäftlich mit ihm. Lou Reed soll er zitiert haben, in der E-Mail, sagt man - Charlys selbst hat mit mir niemals über die E-Mail oder ihren Inhalt gesprochen. Vielleicht war es ja dieses Songfragment: „Little boy, she's from the street. Before you start, you're already beat. She's gonna play you for a fool, yes it's true.“

Donnerstag, 18. November 2010

B-SEITE / Song 5: Tote kehren zurück und sind hungrig

„Ich bin wie der April / Ich weiß nicht was ich will
Du fehlst mir so sehr / Ich flieg zwischen Welten hin und her.“
(Annette Humpe)

Ursula Maus und Charly Davidson trafen sich am 5. September 2000 im Dessauer Restaurant „Lotusgarten“, aßen dort Kanton-Ente mit Orangensauce, übernachteten danach im Hotel „Zum kleinen Prinzen“ und machten sich am nächsten Morgen gemeinsam auf, um Uschis Geburtshaus zu suchen. Der Grund für diesen Trip in Uschis Kindheit waren, wie sie Charly sagte, Erlebnisse in frühen Lebensjahren mit ihrem Siefvater - den leiblichen hatte sie nie persönlich kennen gelernt -, die zu einer Blockade in ihrem sensiblen Gemüt geführt hatten: Ursula Maus konnte sich an bestimmte Dinge ihrer Kindheit einfach nicht mehr erinnern, so sehr sie sich auch darum bemühte. Und den Ort ihrer Kindheit in Dessau hatte sie später niemals mehr (...)

(...) in seinem Tagebuch hatte Charly vermerkt, dass Uschi den Müggelsee liebte, wie kein anderes Gewässer. „Er macht mir den Kopf frei für neue Aufgaben, gerade so wie Ariel“, hatte Charly als Zitat Uschis dazu notiert. Ariel, das ist der windige Luftgeist aus dem „Sturm“, Shakespeares Spätwerk (für das Charly später eine Adaption für das Theaterhaus Jena schrieb) und Uschis erster Kontakt mit dem Weltenmeister des Theaters, damals zu ihrer Schulzeit in Berlin.
In Ariel hatte sie sich, nach eigenem Bekunden, sofort verliebt, da sie ihn als erträglichen Gesellen einschätzte. Erst Charly erzählte ihr, dass er wohl doch ein durchtriebener Kerl war.

Einst in einen Fichtenspalt festgeklemmt, hatte Prospero ihn befreit und er musste fortan dessen Diener sein. Ariel konnte sich in alles und jeden verwandeln und war zudem auch ein Meister der Musik, konnte Leute einschläfern, verdummen, verwildern, verzaubern. Prospero selbst schimpft ihn im „Sturm“ oft als bos- und lügenhaft, also durchaus menschlich. Am Ende erhält er die Freiheit und macht sich mit Fledermausflügeln daran, ewig dem Sommer nachzureisen. „Dort schlaf ich, wenn die Eule schreyt. Ich flieg', in steter Munterkeit, fern von des Winters Ungemach dem angenehmen Sommer nach“. Ariel und „Der Sturm“ sind wohl auch die Gründe für Charly, Uschi und sich als „Wind-Erkunder“ zu bezeichnen.

Also hatten beide in Dessau neben dem Bauhaus auch Uschis Geburtshaus gefunden und damit die Erinnerungen an die Vergangenheit von Ursula Maus, geborene Lutzschke. Und beide hatten dabei ihre gemeinsame Zukunft entdeckt, hatten sich auf einen nicht ungefährlichen Spaziergang in die Schwerelosigkeit begeben, wie aus Uschis anschließender E-Mail an Charly unschwer zu erkennen ist.

Von: ursula-maus@tkun.de / An: kulturecho@aol.com
Betreff: Weltraumausflug / Datum: Mittwoch, der 06. September 2000 - 18:15:11

Charly, mein uraltes Ego,

ich habe die Stunden der Rückfahrt nach Berlin als betäubend empfunden; andererseits stellten sie auch eine Dekompressionsphase dar (...gerade und insbesondere für Weltraumfahrer). In so weit war doch unser erster Weltraumspaziergang gar nicht so ohne, obwohl er ja ohne war. Was ich Dir schreiben kann ist, daß ich seit gestern Nachmittag trotz meiner strengen Disziplinarmaßnahmen nur an einen einzigen Menschen denke. Und das bei meinem Geburtsfehler!!!

Zu meinem Disziplinverständnis gehört aber auch: Niemals wegrennen und alles stehen und liegen lassen. Entweder wird etwas ordentlich zu Ende gebracht und dann kann ich weitergehen, oder ich bleibe da und räume auf. Ich könnte mich sonst nicht mehr im Spiegel ansehen! Verstehst Du? Diese Selbstdisziplin ist für mich ein Prinzip und gilt auch für Weltraumausflüge!

Noch mal zu meinem Grundproblem: Du selbst hast eine Platte über ‚Das kleine Mal‘ gemacht, und sie hat mich an etwas erinnert. Du bist 'ich' genug um das Beste aus dem zu machen, was uns wiederfahren ist. Für den Moment habe ich genug Schaden angerichtet. Für den Moment, mein Lieber.

Ursula von Mausitanien (die Konsequente und Vorausschauende!)


Charly muss sie danach sofort und sicherlich besorgt nach dem „Geburtsfehler“ gefragt haben, von welchem Uschi ihm zuvor noch nichts berichtet hatte: ChD vielleicht? - „Congenital Heart Disease“? Seine E-Mail an Uschi ist zwar nicht mehr vorhanden - sie allerdings antwortete ihrem Charly prompt und mit den folgenden zehn Worten:

Von: ursula-maus@tkun.de /
An: kulturecho@aol.com
Betreff: Weltraumausflugsantwort / Datum: Donnerstag, der 7. September 2000 - 15:12:38

Mein Geburtsfehler ist: Ich kann immer nur einen Mann lieben.


(...)
wohnte in Friedrichshagen nahe dem Müggelsee in einem ellenlangen Plattenbau und Charlys Besuch bei ihr schien für Uschis Familie ein großer Moment zu sein. Rudolf Maus begrüßte Sabine und Charly überschwenglich, Tochter Doreen war aufmerksam und nett, Uschis Söhne aus erster Ehe, Raik und Torsten, erzählten brav von ihren Jobs bei SIEMENS und SONY und Karli musste allen auf dem familieneigenen CASIO-Keyboard etwas vorspielen, wobei er die Qualität der CASIO-Keyboards im Allgemeinen lobte, was Uschis Mann nur bestätigen konnte. Anschließend erzählte der von seiner Arbeit für die PDS im Berliner Abgeordnetenhaus, was Charly durchaus interessierte.

Der Besuch lief ohne besondere Vorkommnisse ab, abgesehen von einem weiteren enorm festen Händedruck Uschis für Charly, von dem aber erneut niemand Außenstehender etwas mitbekam. Allerdings meinte Sabine bei der Heimfahrt, dass „Frau Ursula Maus“ sie ein- oder zweimal merkwürdig angeschaut habe und mit ihrem Mann würde auch etwas nicht stimmen, denn Rudolf Maus haben ihr in einem Nebensatz erzählt, dass Uschi und er einmal kurze Zeit getrennt gewesen wären, sich dann alles aber wieder eingerenkt habe.

„So etwas erzählt man doch nicht Fremden“, sagte Sabine zu Charly, aber der meinte nur, das dies doch zeige, wie sehr sie, Sabine, unrecht gehabt hätte, als sie Ursula Maus andere Ziele unterstellt habe, als die Förderung seiner Kommunikation und die Heilung seiner Psyche. „Jetzt geht’s aber los,“ entgegnete Sabine daraufhin.

„Ich habe noch nie eine psychologische Trainerin erlebt, die im 5. Stock eines Plattenbaus lebt und arbeitet, der vierzehn Hauseingänge hat. Vierzehn, so etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Diese Kommunikationsberaten und Coachingexperten verdienen doch normalerweise alle genug Geld, um sich eine Doppelhaushälfte zu kaufen oder meinetwegen zu mieten. Das macht was her bei ihren Kunden.“ Charly konzentrierte sich ganz auf die YES-CD, die er ins Autoradio eingelegt hatte. „Heart Of The Sunrise“, dachte er, ist in der Tat ein großartiger Song. Doch Sabine war noch nicht (...)

(...) Skandal, den er mit seinem fingierten Tod auslöste, äußerte sich Charly erstmals 2007:

„Ich wollte den Ruhm, der mir zusteht nicht erst in des Totenmanns Kiste während meines Radieschen-Studiums auskosten. (...) Die Reaktionen aber waren auch für meine Vorstellungen unfassbar. Fernsehteams versuchten so schnell wie möglich in die Berge zu kommen. Meine schlimmsten Feinde sagten im TV, wie sehr sie mein Tod erschüttert habe. Es gab Tumulte um die Frage, ob mir ein Ehrengrab in meinem Heimatort oder in meiner derzeitigen Heimat zustände. Hunderte Fans pilgerten zu meinem Haus. Sogar Devotionalien wurden schnell gefertigt und angeboten: Charly Davidson am Paraglider, wie an einem Kreuz“.

Was war geschehen? Endemann und Davidson hatte nicht weniger als achtundzwanzig Ansagerinnen gecastet, um diejenige zu finden, die die fingierte Nachricht am authentischsten verlesen konnte. Ähnlich wie bei der Lounge-Musik-Sache kam es nun nur noch darauf an, die Nachricht als Top-Meldung in den Medien zu platzieren, wozu man eine halbe Stunde vor der Sendung eine Erklärung von Charlys Management zu dessen Tod verschickte und die als Nachruf getarnte Sendung erledigte den Rest. (...)

(...) TELEFONBAU & NORMALZEIT wurde 1899 als Deutsche Privat Telephon Gesellschaft H. Fuld & Co gegründet und in den 30er-Jahren arisiert, trug danach den neuen Namen, wurde in den 80er-Jahren in BOSCH TELENORMA umbenannt, schließlich an den amerikanischen Konzern AVAYA Inc. verkauft und in TENOVIS umgetauft; ein Kind der Globalisierung, das es einfach nicht schaffte, seine Namensentwicklung in die Köpfe der unmittelbaren Nachbarn zu transportieren, denn die T&N-Fabrik lag seit ihrer Gründung nur drei Ecken von der Herxheimerstraße entfernt.

Nach Lukas brauchte Charly, der sich gestern noch überlegt hatte, in welcher Abteilung des High-Tech-Konzerns sein musikalischer Ex-Partner wohl arbeiten könnte, übrigens nicht lange zu suchen. Schon als er auf das Gebäude zukam, sah er von weitem eine Gestalt, die sein Interesse weckte. Ein Mann in einem blauen Kittel stand vor dem Werkstor und sortierte Metallbleche auf einem Schubwagen. Dieser Mann hatte ungefähr die Größe von Lukas.
Älter zwar, als der Lukas, den Charly kannte, dicker, ja gar nicht mehr so hager und die lockigen Haare waren einer Glatze gewichen, aber von den Bewegungen her, wusste Charly, dass diese gestalt nur dieser eine MAnn sein konnte, wegen dem er die heutige Reise gemacht hatte. Charly ging auf ihn zu und rief: „Hallo“.

Die Figur reagierte nicht direkt auf seinen Zuruf, hielt aber in ihrer Tätigkeit inne. Dann drehte sie sich langsam um und schaute Charly an. Es war tatsächlich Lukas. Charly konnte aber an seinen Augen sehen, dass in ihnen kein Feuer mehr war. Die schwarzfunkelten Sterne, die die Fans einst so elektrisiert hatten, waren erloschen.

Luke
betrachtete Charly immer noch und sagte kein Wort zu ihm. Dann, nach einem Moment, der Charly wie eine Ewigkeit vorkam, lief endlich ein leichtes Lächeln über das Gesicht seines frühern Freundes.

Montag, 15. November 2010

B-SEITE / Song 4: One Size Fits All

„Ich bin hier und du bist mein Sofa.“
(Frank Zappa)


[PRESSEMELDUNG] Am 21.07.2000 heißt es im MDR wieder Live aus Leipzig: „Deutsch, Deutscher, Dialog“ „Es ist alles so schön bunt hier“, stellte einst Nina Hagen fest. Seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten vor bald zehn Jahren regt sich hierzulande kaum noch musikalischer Protest. Hatte man im Osten früher musikalisch gegen den eigenen Staat rebelliert oder sich im Westen mit musikalischen Mitteln gegen die verschiedenen Modelle des Kapitalismus gewehrt, stehen im neuen Deutschland die protestierenden Musiker offenbar im Abseits. Meckern ist nicht mehr angesagt. Der neue Wohlstand unter dem Hut einer sog. „freien“ und „sozialen“ Marktwirtschaft treibt die Bürger an, die Verlockungen der 30 TV-Programme unserer Spaß-Gesellschaft fördern wie ein Sedativum eine Ruhe, die beunruhigend ist.

Ist nun wirklich alles so toll und können sich die Künstler mit ruhiger Hand den wirklich wichtigen Dingen der Gesellschaft widmen, oder herrscht derzeit nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm?
Manfred Geißler und Bernd Wagenbach gehen diesen Fragen mit Gästen aus Ost und West nach, als da sind: Peter Kuczora (Sänger und Autor des Ostens), Charly Davidson (Sänger und Autor aus dem Westen, der seit neun Jahren im Osten Deutschlands lebt) und Klaus Bergmann (Sänger und Autor des Westens).


Der MDR hatte Charly Davidson unmittelbar nach den drei EXPO-Sommer-Konzerten zur Nachwendediskussion ins Fernsehen eingeladen. Charly hatte es Sabine jedoch erst am Abend zuvor, während des Nina Hagen Konzertes bei der „Kulturarena“ in Jena, gesagt und sie auch gefragt, ob sie mit nach Leipzig kommen wolle. Sabine hatte ihrem Mann, genauso, wie er es vorausgeahnt hatte, erklärt, dass sie das Ganze nicht sonderlich interessieren würde. „Nein“, sprach Sabi, „da gehst Du mal schön alleine hin.“ (...)

(...) Charly fuhr also alleine zur MDR-Talkshow nach Leipzig und dachte dabei überhaupt nicht an Frauen. Er hatte im Zug Kopfhörer auf und nur Ohren für seine neuen Elektromusik-Songs, die er in der Nacht noch abgemischt hatte und nun in seinem MiniDisc-Player abspielte. So rechnete er auch nicht damit, dass ihm bei seiner Ankunft in dem vom MDR für seine Gäste gebuchten Leipziger Hotel an der Rezeption eine handgeschriebene Einladung einer Dame übergeben wurde. Überrascht laß er, dass diese ihm vorschlug, sich um 13 Uhr
zu Füßen der Thomaskirche im „Cafe Kandler“ zu treffen. „Alter Egos passen immer gut auf ihre Gleichgesinnten auf und ich kann Dich doch bei so einem wichtigen Termin nicht alleine lassen“, hatte sie ihm geschrieben. Charly schüttelte lächelnd den Kopf.

Als Charly Davidson um Eins das Cafehaus betrat, versuchte er beim ersten Überblick vergeblich, eine ihm bisher nur aus Suhl bekanntes Gesicht zu entdecken. Dann aber fand er es, an einem Tisch, der direkt hinter der Eingangstür platziert war, und ging freudig darauf zu. „Hallo“, sagte Uschi zu ihm, stand auf und drückte Charlys Hand zur Begrüßung so fest, als wenn es um eine Verschwörung beider ginge, von der niemand im „Kandler“ etwas erahnen (...)

(...)
kannten jeden der frisch gebackenen Kuchen persönlich und bedienten mit sächsischer Herzlichkeit. „Was darf‘sch den jungen Herrschaften bringen?“, fragte eine von Ihnen, die Charly nicht zu erkennen schien, obwohl er doch extra fürs Fernsehen seine Wayfarer angezogen hatte. „Zu empfehl‘n wäre heude die säcksche Eierschecke oder unsre ausgezeichnede Bachdorde.“

Charly hatte auf der Karte den Slogan des Cafés entdeckt, „Man trinkt Tee, damit man den Lärm der Welt vergisst“, bestellte deshalb einen Earl Grey Tee und entschied sich dann für die Bachtorte. Auch Uschi bestellte sich ein Stück der Bachtorte und dazu noch einen Kaffee. „Lassn‘ses sich munden“, sagte die Bedienung, als sie die Bestellung für beide brachte.

„Überrascht, dass ich nach Leipzig gekommen bin?“, fragte Uschi die Rocklegende. „Schon“, antwortete Charly, „aber nur ein ganz klein wenig.“ „Sieh mal“, sprach Uschi „das ist heute für Dich ein großer Termin. Ich hatte ohnehin in der Nähe zu tun und da dachte ich mir, ich komme einfach mal her und überrasche Dich.“

Der Teespruch zeigte Wirkung. Vom Weltenlärm der Bach-Touristen war im „Kandler“ tatsächlich kaum noch etwas zu vernehmen, dies hatte nun die real existierende Geräuschkulisse im Café selbst übernommen. Charly sich Frau Ursula Maus dieses Mal genauer, als es ihm beim ersten Aufeinandertreffen in Suhl möglich gewesen war. Ihm fiel auf, dass ihre Zähne nicht ordentlich waren. Ihr Busen fiel ihm dagegen nicht auf, denn ein solcher schien schlichtweg nicht vorhanden zu sein. Wie konnte mir das in Suhl entgangen sein, fragte sich Charly. Uschi redete, während Charly sie weiter begutachtete, schien aber von seinen Blicken eher
(...)

(...) „Du und ich, wir zwei, werden im Leben niemals zu verzweifeln brauchen“, sprach Uschi zu ihm, während er von seinem Tee trank. „Es ist mit uns wie es einst bei den Musketieren: 'Eine für alle, alle für einen'.“ Charly nickte. „Deshalb“, sagte Uschi „habe ich gestern spontan beschlossen, ab jetzt immer für Dich da zu sein, jedes Mal, wenn Du mich brauchst oder brauchen könntest.“ Uschi sah Charly dabei durch ihre Brille mit großen Augen an und er spürte, dass sie das mehr als ernst meinte. (...)

Der TV-Talk beim MDR war dann doch dröger, als Charly es erwartet hatte. Eröffnet wurde er mit einer kleinen Darbietung Peter Kuczoras auf der Klarinette, der ein Wendelied darbot, das er 1989 geschrieben hatte. Kutze, mit dem Charly eine Bekanntschaft noch aus DDR-Zeiten verband, war im Grunde auf einer Wellenlänge mit ihm, auch wenn er regelmäßig auf die speziellen Repressalien des DDR-Kulturbetriebs ihm gegenüber zu sprechen kam und ärgerlich darauf hinwies, dass sogar die GEMA sich nach der Wende nicht wirklich für wichtige Belange mancher Musikern der Ex-DDR eingesetzt hatte.

Mit Bergmann, den er seit einem TV-Gastspiel noch aus den 70gern kannte und eigentlich mochte, war es für Charly eher schwierig, denn der äußerte sich zu Sparprogrammen Im Kulturbereich, dem Subventionsauf- und Fördermittelabbau oder dazu, dass es in Deutschland „vielleicht zehn gute Liedermacher gäbe“. Ob Charly Davidson dazu gehöre, wollte Moderator Wagenbach von Bergmann wissen. „Es sieht vordergründig nicht so aus“, antwortete dieser.

„Aber ich mache doch Lieder und meine Tourneen sind Jahr für Jahr nahezu ausverkauft“, entgegnete Charly darauf. „Ich war gestern in Jessen, genauer gesagt in einem kleinen Flecken in der Nähe, in Klossa“, antwortete Bergmann ihm. „Da draußen, auf'm Dorfe, am Rand der Äcker, mitten in der Provinz, da bewegt man was. In Hallen eher nicht.“ Charly bezog daraufhin in der Sendung ebenfalls nur noch Allgemeinpositionen, redete von einem „... Überfluss an CDs im Radio. Das Vinyl wird weggeschmissen und mit ihm ein Teil der Kultur. Ich bin dafür, daß im Radio zukünftig der 'Vinyl-Gehalt' einer jeden Sendung angegeben werden muß“.

Währendem es aus seinem Mund nur so heraussprudelte, versuchte er sich beinahe fünf ganze Sätze lang vergeblich an einen von Uschis Sätzen aus deren letzter E-Mail zu erinnern, den sie ihm im „Kandler“ nochmals gesagt hatte, bevor er ihm schließlich dann doch noch einfiel.

„Ich denke, wir müssen die Breitenwirkung der Verblödung durch die Medien stoppen. Botho Strauß bringt es für mich auf den Punkt: '...man hält sich fast nur noch hinter dem Licht auf, wohin jede zweite Mitteilung einen führt.'“, sagte Charly. Das sei ein gutes Schlusswort, meinte Manfred Geißler und dann war die Sendung auch schon zu Ende. (...)

(...) In dieser Nacht geschah in Charlys Hotelzimmer nichts wirklich Unschickliches. Uschi und er quatschten Stunde um Stunde miteinander, gegeneinander, übereinander, hatten gar keine Zeit fürs Bett, noch nicht einmal für Gedanken daran, kamen sogar überein, solches überhaupt gar nicht zu wollen. „Pfui Spinne! Wer denkt denn an so was?“ entrüstete sich Uschi.

Es wurde eine richtig unschuldig-laue, grandiose Sommernacht in Leipzig. Der Vollmond war zwar nicht über Alabama aufgegangen, erleuchtet dafür aber die Skyline der Sächsischen Metropole ebenso beeindruckend wie er es auch zwischen Mississippi und Georgia kann. Charly nippte ständig am Rotweinglas, ließ zwischenzeitlich noch zwei weitere Flaschen kommen und rauchte samsabraune Zigarillos. Alles war so sehr schön, das man es schon fast „prrrächtig“ nennen konnte, wie Heiner Pudelko es immer so schön ausgesprochen hatte.

Den eigentlichen Betrug beging Charly am Morgen danach, als Sabine ihn anrief und nach dem Abend fragte und Charly ihr nur von Kutze erzählte und seine Zeit mit Uschi komplett verschwieg. (...)

(...)
Von: ursula-maus@tkun.de / An: kulturecho@aol.com
Betreff: DANKE für Dein Angebot / Datum: Montag, der 4. September 2000 - 10:55:08

"Wenn andere sich loslassen, halten wir uns lieber eine Sekunde länger fest."
(Das muß ein kluger Mann sein, der so etwas dichtet)

Mein lieber K.,

es kommt durchaus vor, dass wir zwar mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, die Vergangenheit jedoch nicht mit uns - soviel wissen wir. Laß uns also versuchen, etwas Licht am Ende des Tunnels zu sehen; damit gelingt es uns vielleicht, die Wolken von unserer gemeinsamen Stirn zu verschieben und meinen Taschentuchverbrauch auf ein weniger auffälliges Maß zu reduzieren. Ein Glück, daß ich Besitzerin von Heuschnupfen zzgl. einer Erdnuss-Kreuzallergie bin! Desensibilisierung wirkt nicht immer und dann tränen mir eben die Augen!

Hin und her zu überlegen oder auch zurück, hilft uns nicht; aber so viel weiß ich über die Lebensschleifen: Auch unser zufälliges Zusammentreffen war eine Bestimmung und ohne sie wären wir nicht da, wo wir sind und dann wären wir wahrscheinlich auch nicht zwei Teile eines Ganzen! Wir hatten zwar vereinbart uns vorerst nicht wieder in Hotelzimmern zu begegnen; besser ist das sicher, aber hier geht es um meine Vergangenheit und um unsere Zukunft und deshalb laß uns lieber nicht nach einer perfekten Lösung suchen, laß uns nach einer Lösung suchen, die zu uns paßt und zu dem, was für uns wichtig ist! - Da für uns beide Disziplin, Verantwortung und Loyalität so bedeutsam sind, kann es auch nur eine wirkliche Lösung geben, wenn sie diesen Ansprüchen entspricht. Sonst könnten wir UNS später vielleicht nicht mehr sehen!

In der vergangenen Nacht hast DU in meinem Traum mit mir geredet und ich habe Dich deutlich gehört. Nimm das als ein gutes Zeichen! Es wird schon gut gehen und es wird schon nichts Falsches passieren.
Ich nehme also Dein Angebot an, uns in Dessau zu treffen, gemeinsam nach meiner Vergangenheit Ausschau zu halten und uns dafür - rein aus strategischen Gründen - ein gemeinsames Hotelzimmer zu nehmen, in dem nichts geschehen wird, das wir nicht vor uns auch verantworten können.

Deine Uschi

_____________________________________________________
* = nachlesen kann man die noch vorhandenen E-Mails zwischen Uschi und Charly von Juni bis Oktober 2000 auf dieser Webseite des Verfassers.

Donnerstag, 11. November 2010

B-SEITE / Song 3: Flaschenpost

„Moments decide
Moments delight
Moments in flight
Talk about sending love“
(Jon Anderson)


(...) Es war ein mir unbekannter Notar aus Nürtingen, der mich telefonisch bat, kurzfristig zu erklären, ob ich bereit und Willens sei, ein Vermächtnis von Herrn Karl David Korff anzunehmen. Auf meine überraschte Rückfrage, was er mit meine mit „Vermächtnis“, sagte mir Dr. Schimmel, dass es zwar keine testamentarische Verfügung von Herrn Korff gäbe, Charly habe jedoch etwa eineinhalb Monate vor seinem Unfalltod bei ihm einen Umschlag notariell versiegeln lassen, ber dessen Inhalt er nichts wisse, der aber, im Falle, dass Herrn Korff irgend wann einmal etwas zustoßen sollte, mir persönlich zu übergeben sei. (...) In dem braunen Umschlag befanden sich neben dem Bon unter anderem zwei USB-Sticks. Auf einen hatte Charly das Wort „Apfelfass“ geschrieben (wobei ich dabei sofort an Jim Hawkins und die „Schatzinsel“ denken musste), der andere, er war etwas kleiner, trug den Vermerk „Nummer 2“, wobei Charly auf die ihm eigene Art die '2' wie ein 'Z' geschrieben hatte. Unzweifelhaft schienen hierauf Botschaften von Charly an mich zu sein. Ich war also gespannt.

Nachdem ich ihn den „Apfelfass“-Stick in meinen Laptop gesteckt hatte, offenbarte mir dieser unter dem Pfadnamen „Ariel“
und beginnend ab Juni 2000 mehrere E-Mail Ordner, die auf den ersten Blick Unmengen an „charts@charlydavidson“ E-Mails zu enthalten schienen, sowohl Postein- wie auch Postausgang. Da ich an diesem Tag aber keine Zeit hatte, mir das GAnze in Ruhe anzusehen, zog ich das „Apfelfass“ umgehend wieder aus meinem Laptop heraus und steckte statt dessen Stick „Nummer Z“ in den USB-Anschluss ein. Auf „Nummer Z“ waren offensichtlich viele Fotos zu finden, darunter, so erkannte ich schnell, wohl auch Fotos von Schriftstücken und persönlichen Unterlagen Charlys, auf die ich(...)

(...)
begann ich im Laufe der Nacht, die bis zum frühen Morgen dauern sollte, nach und nach zu verstehen. Denn im „Apfelfass“ befanden sich unter anderem die nachfolgenden E-Mails:


Von: ursula-maus@tkun.de / An: charts@charlydavidson.com
Betreff: Angst vor Er- Kenntnis? / Datum: Sonntag, 11. Juni 2000 - 18:26:11


Hallo Herr Davidson! | Im Tal der Er- Kenntnis verhüllt von Christo zu scheinen, ist den Zweck los: Wer sehen kann, sieht keinen Überflieger! | Sonntagsgrüße Ursula Maus | Zugabe für elektrische Geschichtenerzähler und Fortsetzung eines möglichen Märchens ... Es war einmal oder war es ein kleines Mal (?) als Gott so sprach: ALLES ZU SEINER ZEIT. Wen aber sprach er an? Und zu welcher Zeit? Überhaupt bin ich froh, daß sich über`m Haupt nur Wolken des Alpwachens türmen, sonst müßte ich noch über sie gehen! - Was will uns das sagen?


Von: charts@charlydavidson.com / An: ursula-maus@tkun.de
Betreff: Alles zu seiner Zeit / Datum: Montag, 12. Juni 2000 - 08:36:06


Hallo Frau Maus, nochmals Danke für das Buch. Als ich die E-Mail erhielt, wußte ich gleich von wem allein sie gekommen sein wird. Ihr Trainingsangebot an mich war ungewohnt und mutig zugleich. Aber warum kommen Sie mir gleich mit Rätseln über Gott? Gekreuzigt werden wir schließlich doch alle einmal, der eine früher, die andere später ... auch wenn natürlich keiner so leiden musste wie er. Außer vielleicht ein gewisser Zimmermann, über dessen Midlife-Crisis wir allerdings so gut wie nichts wissen. | Übrigens: Von wg. "Herr Davidson" ... wenn schon, dann Herr-Gott oder Herr-Ausgeber. Das wäre ehrlich-Er. Wer viel gegeben hat, der wird auch viel zurück bekommen ... denke ich! | MfG Charly Davidson | Nachtrag: "Alpwachens" ist nur halp richtig.



Von: ursula-maus@tkun.de
/
An: charts@charlydavidson.com
Betreff: Angst vor Er- Kenntnis? / Datum: Dienstag, 13. Juni 2000 - 19:14:05


Hallo Charly, | "Alpwachen" von "Alpträumen" ist nur "halp" richtig, wenn man neu deutsch rechtschreibt - da ich mir von der deutschen Sprache nur "halp" mächtigen Politikern nicht gern in‘s Handwerkszeug oder besser in‘s Schreibzeug pfuschen lasse, bin ich neu- deutsch- recht- schreib- renitent! Sie wissen doch: Alle Gekreuzigten verkreuzen gern die Arme in abwartender Haltung, um dem Einsatz zu entgehen. Da braucht Mann schon eine Machete, sonst sind die selbst angelegten Fesseln zurückhaltender, als ihm lieb ist. | Uschi (... und hier die 2. Zugabe für den elektrischen Geschichtenerzähler, für den eklektischen brauche ich noch Denk- Zeit) | Also sprach Gott: „Ich finde nur den Monolog in der Schwerkraft, die mich als Stein auf dem Boden hält, der unter meinen Füßen bebt.“


Von: charts@charlydavidson.com / An: ursula-maus@tkun.de
Betreff: Matt-Scheidende Orakel / Datum: Donnerstag, 15. Juni 2000 - 10:16:09

Liebe Uschi, | Du schriebst (ich darf uns doch das Du anbieten, oder?) “Was macht der Geschichtenerzähler in seiner elfenbeinernen Seifenblase, wenn der mattscheibene Bildschirm platzt und das Leben über ihn hereinbricht? Bricht er dann zusammen? Oder rennt er weg? Oder ...?” |
a) elfenbeinerne Seifenblasen (ich verstehe es wohl - “Étre Dieux”, um es mit Salvador Dalis Worten zu sagen) wie sollten die wohl aussehen? - Ist wohl als metaphysische Metapher gemeint, oder? | b) Die sinngemäße Interpretation eines Bildschirms ist es Bilder zu beschirmen, de facto also zu schützen. Insofern ist jeder Bilderrahmen also auch ein Bildschirm. Wortgetreu jedoch wirft der Bildschirm Bilder (in der Regel bewegte) auf einen Schirm anstelle einer Leinwand, weswegen er bei Ausbleiben der Bilder auch gerne - wie von Dir - als Mattscheibe bezeichnet wird. Definiert man die Mattscheibe jedoch als Matt-Scheide, sozusagen als geeignetes Mittel um Dinge zu trennen so braucht der Geschichtenerzähler nicht zusammenzu- oder sonst irgendwie zu brechen. | Ihr ergebener Karl David Korff


Von: ursula-maus@tkun.de /
An: charts@charlydavidson.com
Betreff: Er- Kenntnis- Praktikant an Er- Klärer / Datum: Donnerstag, 15. Juni 2000 - 21:52:28


Guten Abend Karl David Korff, | was ich an Männern immer wieder erstaunlich finde, ist die Ausdauer, mit der sie etwas erklären, was Frau längst weiß, oder zumindest ahnt. Im scheinbaren Gegensatz zu logischen Erklärern schätze ich besonders die Vielschichtigkeit ( kommt von Denk- Schichten ), in Deinen Texten - ich mag Sprache, die mehrere Deutungen ermöglicht und dem oder der Lesenden nicht nur den Geradeaus- Pfeil zeigt. Ansonsten aber bestätige ich Dir, daß der Praktikant langsam zu Hochform aufläuft. Offensichtlich bilden Medien doch, wenn sie nicht gerade als Gehirnvernichtungsmaschine im Einsatz sind. | Dein praktischer Satz über die Praxis ist praktisch kaum noch zu praktizieren, aber praktisch im praktischen Praxis- Einsatz. Übrigens: Gott schütze die Königin und uns davor, daß irgendjemand oder irgendetwas, sei es auch ein Orakel, jemals die Wahrheit findet. Oder, um André Gide zu zitieren, „Glaubt denen, die die Wahrheit suchen. Zweifelt an denen, die sie finden!“ | In so ferner Nähe: Um Gottes Willen, lieber Wahrheitssucher als Wahrheitsprediger! Grüße von denkender Uschi | Anmerkung: Zum Er- Kenntnis- Praktikum fehlt dem Praktikanten noch die Erkenntnis, daß ChD von "Katastrofen" vermutlich so viel hält wie von "Filosofie"!


Fast zwei Dutzend E-Mails* schrieben sich Ursula und Charly bzw. Karl David und Uschi zwischen dem 11. und dem 28. Juni 2000, wurden dabei zu Alter Egos, ohne dass hiervon in Jena oder Berlin irgendjemand etwas ahnte: ein Gedankenspiel. Viel mehr sollte es aus Charlys Sicht wohl nicht werden, denn er hatte ohnehin nur bis Ende Juni Zeit für solche Spiele. Dann waren die Proben für die Konzerte in Frankfurt und Hannover beendet und damit hatte er wieder weniger Zeit zum E-Mail-Kontaktieren. Doch so lange, also bis zum 28. Juni, brauchte Uschi gar nicht, um Charly, diese angebliche so harte Nuss, zu knacken.

Mit „Ihr ergebener Karl David Korff“ endete seine E-Mail vom 15. Juni und das war es wohl gewesen, was Ursula Maus erreichen wollte: Charlys Interesse an ihr war nun klar und deutlich und Phase zwei ihres Projektes (das Charly später „Ariel“ getauft hatte, nach dem Luftgeist aus Shakespears Werk „Der Sturm“) konnte beginnen.

Nur wenige Wochen nach dem Buchgeschenk und viel früher als sie es hatte erwarten dürfen, setzte Ursula Maus bereits zum Fangschuss auf Charlys Seele an, ganz so wie Kapitän Ahab auf der Jagd nach dem weißen Wal.


Von: ursula-maus@tkun.de / An: charts@charlydavidson.com
Betreff: Para- glider- digma / Datum: Mittwoch, der 28. Juni 2000 - 18:51:55


Hallo Karl David, | ich bin weder Dir noch mir böse, daß Du jetzt weniger Zeit zum Kontaktieren hast! Vielleicht ist das Wort "Höhenflüge" ein vermessener Ausdruck, aber Du wirst zugeben müssen (hoffe ich), daß unsere Art mit Sprache umzugehen, in diesem Land nicht sonderlich
alltäglich oder weit verbreitet ist. Versuch' mal, einige dieser Sentenzen im alltäglichen Gebrauch zu testen und Du wirst eine Reihe von "Bahnhof- Verstehern" treffen! | Da ich täglich damit arbeite, mich verständlich auszudrücken - so verständlich, daß mich Menschen auf z. T. sehr unterschiedlichen Sprach-Ebenen auch verstehen können -, werde ich mich schwer hüten, die von uns virtuell benutzte Sprache zu meiner arbeits- alltäglichen zu machen. Insofern sind unsere Unterhaltungen für mich "Höhenflüge", die es mir gestatten, mich auf einer Höheren als der Alltags- Ebene auszudrücken und im übrigen slche die ich sehr genieße. Unbestritten hast Du damit recht, daß ChDs Höhenflüge auch tatsächliche sind. In diesem Para- glider- digma ist es wohl vermessen, dieses Wort "Höhenflüge" für unser virtuelles Spiel zu verwenden. | Also mein Vorschlag: Betrachten wir unsere schriftlichen Unterhaltungen als "Ausflüge auf mittlerer Höhe"! Was denkst Du? - Botho Strauß bringt es für mich auf den Punkt: "...man hält sich fast nur noch hinter dem Licht auf, wohin jede zweite Mitteilung einen führt." | In diesem Sinne eine echte Uschi- Erkenntnis: Die Rechtschreibreform ist der Versuch zu verbergen, daß Deutschland nicht mehr in der Lage ist, die Kinder lesen und schreiben zu lehren. | Verstehende Grüße Uschi


Von: charts@charlydavidson.com / An: ursula-maus@tkun.de
Betreff: Die Zeit heilt alle Wunder / Datum: Donnerstag, 29. Juni 2000 - 10:07:13

Hallo U, zum Zeit-Geist gehört der Anspruch immer Neues zu kreieren. Und je mehr die Zeit fortschreitet, desto älter wird das Neue. Ein gutes Beispiel ist NEUE MUSIK, die es schon seit etwa 80 Jahren gibt und die natürlich jeden Tag älter wird. Auch die neuen Wellen sind schon bald veraltet wie Frisuren und selbst wenn sie wie Frisuren wieder kommen, werden sie dadurch nicht neu sondern höchsten aktuell. - Hier bringt einen der Zeitgeist in Schwierigkeiten. | Jetzt ernsthaft: Deine Beschreibung “Ausflüge auf mittlerer Höhe!” ist akzeptabel, wobei immer die Möglichkeit besteht a) abzustürzen oder b) eine Luftströmung zu erwischen, die einen weiter nach oben trägt. Die Gedanken, welche Du Dir bezüglich der Rehe machst, können außerordentlich weitreichend sein und solche Gedanken gebe ich gerne an Charly D. weiter. --- (Deine Floskelung, ChD wäre die Abkürzung für „Crash-hass-Dummi“ ist eine Frechheit - lass Dir das mal gesagt sein). |Gott weis: Natürlich spielen auch Frauen Rollen! Die Seifenblasen platzen aber nicht nur bei Macho-Sprüchen sondern auch, wenn mann zu viel Zeit in seine Arbeit investiert, womöglich oft unterwegs ist und frau dann noch Fünfe gerade sein lässt. | Soviel zum Zeit-Geist für heute von Charly | ... und übrigens: Wunderkinder von heute sind die Wind-Erkunder von morgen!


Ich merkte es sofort, Uschis Fangschuss hatte sein Ziel erreicht: Zum ersten Mal hatte Karl David Korff sich ihr als „Charly“ offenbart.

_____________________________________________________
* = Wer es möchte, der kann sämtliche E-Mails der USB-Sticks aus dem braunen Umschlag auf dieser Webseite ausführlich nachlesen.

Montag, 8. November 2010

B-SEITE / Song 2: Ommadawn

„Liebe ist kein Zufall“
(Werbespruch von www.elitepartner.de)

Für seine Ehefrau hatte der frisch verliebte Charly Davidson 1979 kein Liebeslied geschrieben, sondern ein Gedicht namens „Zufall“, und er hatte für dieses Gedicht im Rahmen eines Literaturwettbewerbs sogar den „Offenbacher Affen“ verliehen bekommen, einen Preis für Kurzprosa.

Nun begab es sich an einem heißen Sommertag einundzwanzig Jahre später, dass dieses Gedicht volljährig geworden war, jedenfalls nach dem BürgerlichenGesetzbuch, wie Charly seiner Sabine gerade berichtete, bevor man am 1. Januar 1975 das Alter der Volljährigkeit auf 18 Jahre herabgesetzt hatte. Die hob daraufhin ihren Kopf und schaute ihren Mann fassungslos an: „Äh...“, sagte sie und brüllte dann los. „Sag mal, Du hast mir überhaupt nicht zugehört“, stand wütend auf und ging die Treppe hoch in ihr Büro im zweiten Stock. Charly versuchte Sabi zu folgen und rief ihr zu:
„Du musst mir die Belege jetzt nicht zusammensuchen“. Aber Sabine hörte ihm nicht zu oder wollte ihm nicht mehr zuhören.

„Allen Scheiß muss ich alleine machen“, schrei sie in Richtung Charly. „Ich dachte, Du hättest das längst erledigt. Dann sehe ich das Formular im Wohnzimmer zufällig zwischen den Zeitungen rumliegen. Und jetzt frage ich Dich, ob alle Belege zusammen sind und was antwortest Du mir? ... ‚Unser Gedicht hat heute Geburtstag‘ (...)


(...) war Charly dann auf der Durchreise nach Frankfurt am Main und Angelina Killart, seine Managerin, eine abschreckend herbe Schönheit wegen der Sabine bezüglich ihres Mannes keine Angst zu haben brauchte (obwohl Charly auch schon einmal mit dem Gedanken gespielt hatte, wie es wäre mit Angelina auf einer einsamen Insel am Strand...), hatte ihn auf halber Strecke aus dem Mercedes geworfen. Genauer gesagt in Suhl vor dem Haus der Philharmonie hatte sie ihren „Schützling", wie sie Charly im internen Kreis nannte, ausgesetzt, damit er dort durch eine Lesung Geld verdiene.

Vor der Wende trug das Suhler Haus der Philharmonie den Namen „Kulturhaus 7. Oktober“ und genauso sah es auch aus. Charly blieb es später vor allem durch seine architektonische Bauweise mit den imposanten Säulen am Eingangsportal in Erinnerung. Und auch die Besucher seiner Lesung enttäuschten ihn nicht, denn es war diese gut-bürgerliche
Mischung aus Hausfrauen, Rentnern und Provinz-Intellektuellen, die es auch zehn Jahre nach der Wende immer noch anzutreffen gab, wenn er irgendwo im Neuen Deutschland auftrat, ohne dass es Eintritt kostete, Kultur zwar nicht für umsonst präsentiert wurde, dafür aber kostenlos. Charly ergab sich seinem Schicksal und wünschte sich nur, dass wenigstens einer seiner treuen Fans da sein würde...und siehe da: kleinere Wünsche erfüllte der große, alte Bananenschalenwerfer nach wie vor prompt.

Trotzig laß Charly mehrere Passagen aus seinem Buch „AUTO-DIDAKT“, nahm den spärlichen Anstandsapplaus grimmig zur Kenntnis und wartete anschließend auf willige Käufer seiner CDs, allen voran sein Best-Of-Album „RÜCKSPIEGEL“, das die GLOBA vor einem halben Jahr pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 1999 herausgebracht hatte. Auf „RÜCKSPIEGEL - Das hörenswerte Erbe der Begleitung“ waren Charly Davidsons zehn größte Hits vereint, zusammengepackt mit, in den letzten anderthalb Jahrzehnten
gesammeltem und bisher nicht veröffentlichtem, Konzertmaterial. Mit dabei waren erstmals auch Aufnahmen vom eher unerwarteten Erfolg Davidsons beim "German Fest" im Juli 1998 in Milwaukee. Doch trotz aller liebevollen Mühe, die man sich bei der GLOBA für Charlys Fans gemacht hatte (unter anderem wurde der Doppel-CD ein 34-seitiges Booklet mit vielen Fotos beigefügt) wurde Charlys "RÜCKSPIEGEL" ein eher mäßiger Chartserfolg. (...)

Momentan stand der „RÜCKSPIEGEL“ wieder einmal in den Charts, wenn auch nur auf Position 78, aber die Verwaltung der EXPO 2000 hatte Charly Davidson & BEGLEITUNG für vier Konzertabende im Juli nach Hannover in die EXPO-Box nahe dem Deutschland-Pavillon eingeladen. und ohne lange nachzudenken hatte Charly das Angebot angenommen, eröffnete ihm dies doch die Möglichkeit, mit seiner
BEGLEITUNG wieder einmal auftreten zu können, denn das Ende seiner „Live Inkar-Nation“-Tour war nun schon beinahe zwei Jahre her. Außerdem - und das war wohl für ihn das Beste dabei - konnte er auf diese Weise elegant, wenn auch nur für kurze Zeit, Sabis Welt entfliehen, die für Charly seit geraumer Zeit eher nervig als inspirierend gewesen (...)

(...) schaute nun auch zu ihm, hielt inne und wackelte dann kurz mit dem Kopf, während sie ein verlegenes Lächeln versuchte. Dann trat sie an seinen Tisch.

„Sie sehen so resigniert aus“, sagte sie zu Charly, der sie daraufhin verwirrt ansah. „Ich möchte Ihnen ein Buch geben, dass ich mir vor kurzem gekauft habe. Eine Kleinigkeit, nicht der Rede wert. Trotzdem eine große Hilfe in allen Lebenslagen. Vielleicht kann ich damit ihre Laune etwas verbessern.“. Sprachs, legte das Buch vor ihn auf den Tisch und entfernte sich dann wieder.

Charly war nun eher überrascht als verwirrt und betrachtete das Buch näher. Es war „The Warlock Of Love“ von Marc Bolan, 1969 erschienen. Das verblüffte ihn. Zwar hatte er dieses Buch schon, aber es war immerhin eines seiner Lieblingsbücher. Woher konnte diese Frau das wissen? Konnte sie es überhaupt wissen? Oder war das ein Zufall? Schließlich hatte er bisher kaum öffentlich darüber gesprochen. Charlys Interesse an der mysteriösen Fremden war geweckt.

Er blickte schnell auf seine Uhr. In zwanzig Minuten musste er das
Haus der Philharmonie spätestens verlassen, um den Zug nach Frankfurt noch zu erreichen. Dann wäre die Chance vorbei, herauszufinden, wer diese Frau war. Nach kurzem Überlegen erhob sich Charly und lief ihr (...)

(...)
zog anschließend eine kleine, fliederfarbene Visitenkarte aus ihr heraus.
„Hier ist meine Karte“, sagte sie zu Charly. „Vielleicht brauchen Sie mich ja irgendwann einmal als Kommunikationsexpertin?“

Charly schaute schnell, was auf der halb durchsichtige Karte mit der Abbildung einer ägyptischen Katze an ihrem unteren Ende stand, denn viel Zeit blieb ihm nicht mehr bis zur Abfahrt des Zuges. Er laß: „Ursula Maus, Kommunikationstraining. Seminare - Coaching - Vorträge. Peter-Hille-Straße, Berlin-Friedrichshagen“. Er nahm seine Geldbörse und verstaute die Visitenkarte sorgfältig hinter seinem Personalausweis, holte dann seinerseits eine Visitenkarte aus der Tasche seines Jacketts.
Da die Dame schon am weggehen war, lief ihr Charly nochmals hinterher und gab ihr dann schnell seine Karte.

„Warten Sie bitte noch einen Moment“, sprach er dabei. „Haben sie vielleicht einen Stift, damit ich Ihnen meine E-Mail-Adresse aufschreiben kann? Sie können mir darüber ja mal ein Trainings-Angebot unterbreiten.“

Die Dame ließ noch einmal leicht verlegen ihrem Kopf hin-und-her wackeln, errötete dabei wie eine schüchterne Primanerin, was Charly amüsiert zur Kenntnis nahm, als er auf die Rückseite seiner Karte die Mail-Adresse „charts@charlydavidson.com“ schrieb. Dann gab man sich artig die Hand und beide gingen ihrer Wege.