Donnerstag, 28. Oktober 2010

A-SEITE / Song 16: Überflieger

„Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein.“
(Reinhard Mey)

1995 konnte es keiner mehr übersehen. So versiert Charly Davidson wirklich alles, was er machte (oder eben nicht machte) erklären konnte: er steckte in seiner bis dahin größten künstlerischen wie privaten Krise. Sie hatte sich in das Leben der Rocklegende eingeschlichen wie eine giftge Schlange und verbreitete darin nun Angst und Schrecken. Charlys Nerven langen blank, Existenzängste quälten in, lähmende Fragen füllten seinen Schädel. Würde er mit dem nächsten Album untergehen? Kann er vielleicht nie mehr an seine Erfolge anknüpfen? Würden seine Fans ihm das bei Thomas Gottschalk angekündigte Karriereende und die anchließende Rolle rückwärts vergeben? Und schließlich: Konnte er seine Ehe noch retten? Würde es da etwas bringen, Sabine die drei, vier Affären zu beichten, die er regelmäßig während seiner Tourneen hatte? Oder konnte gerade das Verschweigen etwas retten? Charly war in einem Dilemma, selbst sein Nachbrenner schien ausgebrannt zu (...)

(...) Aufnahmesessions für das „Comebackalbum“, wie es im MUSIKEXPRESS SOUNDS tituliert wurde, starteten im November 1995 und dauerten bis Anfang Februar 1996. Helmut Prosa wollte von einem Comeback nichts hören, nannte das Album aber schon einmal flapsig "die Therapieplatte". Und das neue Album enthielt tatsächlich Elemente einer Selbstreinigung. Mit der „SATORI TRILOGY“, einer Art Mini-Oper über einen Sänger, der verzweifelt den Erfolg sucht (inkl. der Hymne „Ich-Falle“), sowie den hitverdächtigen Songs „Egal woher, egal wohin“ und „Schlangenbeschwerer“ (dem späteren Album-Titelsong), brachte Charly eine solide Basis in das Album ein. Helmut schrieb hervorragende Rock 'n' Roll Nummern mit „Haus No. 9“, „Schwere Nöter“ und „Im Fahrstuhl“, Lars steuerte seinen Song „Dance Until Tomorrow“ bei, den Charly in „Tanz unter Teufeln“ umtextete. Schnell waren zwölf wunderbare Songs fertig, die Charly wieder in die Erfolgsspur bringen konnten, wie auch die GLOBA nach dem Durchhören des Demobandes zufrieden feststellte.

Charly war es in seiner gesamten Karriere niemals vergönnt gewesen, einen Nr. 1-Hit zu haben, aber mit „SCHLANGENBESCHWERER“ gelang sowohl Position Zwei in den Albumcharts als auch eine Nummer Zwei bei den Singles. Letzteres allerdings auch nur, weil Helmut kurz nach dem Abschluss der Album-Produktion während eines Elternabends die Songidee zum Titel „Überflieger“ eingefallen war, der zu Charly Davidsons größtem Musikerfolg wurde. (...)

(...) sein Gespür für Schnee ausgezahlt, hatte ihn seine gute Nase nicht enttäuscht. Und Charly Davidson fand, nun wäre es an der Zeit, beide zusammenzuführen. Er ging ins Büro, öffnete die mittlere Schublade seines Schreibtisches, holte die Geburtstagskarte hervor, die es von guten Freunden bekommen hatte, entnahm ihr die kleine Tüte und öffnete sie ganz langsam.

Zweimal holte Charly tief Luft. Dann hielt er sich die Nase zu, blies danach, als es innen zu brennen begann, kurz die Nasenflügel aus. Schließlich lehnte er sich langsam auf seiner Studiocouch zurück und genoss das wohlige Gefühl der Wärme, das sich durch seine Adern verbreitete, sich den Weg durch den ganzen Körper bahnte, an seinem Herz ankam und nur Bruchteile später in seinem Hirn. Es beherrschte ihn nun ein Gefühl der Sättigung und der absoluten Wachheit.
Charly war klar: Besser als jetzt konnte es wirklich nicht laufen.

Nachdem er zwei, drei Minuten einfach nur geträumt hatte, erhob er sich, ging zum KURZWEIL 250, schaltete ihn ein, ließ sich dann auf die Sitzbank fallen und legte seine Hände auf die Tasten des Compuerkeyboards. Es war seltsam, wie Charly binnen weniger Momente Herr über alles Lebendige und Gegenständliche geworden war. Und dieses Gefühl beanspruchte nun seinen ganzen Körper für sich.

Langsam begann er auf dem „Grand Piano“ die wenigen Akkorde von „Ich-Falle“ zu spielen und schließlich sang er dazu:

„Ich bin durch den Wind
Naseweiß wie ein Findelkind
Das Hirn bibelschwarz und sternenklar
Ich-Falle

Die Zunge gebunden an den Verstand
Krämpfe führen die ruhige Hand
Der Kopf voller Ideen steckt im Sand
Ich-Falle, Ich-Falle, Ich-Falle

Niemand fragt sich wo ich bin
Niemand folgt meinem sechsten Sinn
Niemand findet meinen Hauptgewinn
Einfältige Dreifaltigkeit

Ich bin durch den Wind
Naseweiß wie ein Findelkind
Das Hirn bibelschwarz und sternenklar
Ich-Falle, Ich-Falle ...
Ich falle auf“

Montag, 25. Oktober 2010

A-SEITE / Song 15: Von der Kunst, ein Mensch zu sein

„Seit dem Tage, an dem er geboren wurde, ist sein Name herrlich.
Zwei Drittel an ihm sind Gott, ein Drittel nur Mensch.“

(Gilgamesch-Epos)

Wie so oft im Fernsehen gab es im Vorfeld des Aufeinandertreffens Gottschalk/Davidson den bekannten Deal: Der Promi kommt in die Show des Talkmasters, beide reißen ein paar Witze, die neue Platte wird beworben um sie in den Charts wieder oder noch ein klein wenig mehr nach oben zu kicken, die Talkshow-Quote stimmt, die Zuschauer lachen, kaufen die Platte und am Ende haben alle was davon. (...)

Davidson, der unter massiver Gesichtsbehaarung und seiner Wayfarer-Sonnenbrille fast schon aussah wie das vierte Bandmitglied von ZZ TOP, kaute einen Kaugummi, nuschelte unverständlich ins Mikro und verweigerte sich Gottschalks Schwatz-Angeboten. Der wiederum versuchte es zuerst mit Schmeichelei und pries Davidsons aktuelle Produktion „MASSENKAMPF“ mit ihrem genialen Innencover. „Danke“, lautete die spröde Antwort.

Vom Talkmaster gefragt, ob sich „das Auge der Gerechtigkeit, heute leider hinter einer Sonnenbrille verborgen“ mit seiner Barttracht wohl fühle, gab Charly nur ein kurz angebundenes „Wieso?“ zurück, was Gottschalk seinerseits bissiger werden ließ, so dass er Davidsons Aussehen mit dem des Rumpelstilzchens verglich, das sich ja auch nie gerne in der Öffentlichkeit gezeigt hätte.

„Das tut mit leid, ich wurde gezwungen hier zu sein“, hatte Charly daraufhin sichtlich genervt gemurmelt. Gottschalk stichelte weiter: „Du scheinst mir aber heute auch nicht wirklich hier zu sein“, woraufhin Charly (...)

(...) die Meinung der BILD-Zeitung zum Programmtitel, die „100t AGE“ als (Zitat) „Heroinlieferung …“ miß-interpretierte, „… denn“ so BILD weiter in Insiderkreise steht AGE für den Buchstaben 'H' und damit für Heroin. Daran hatte er bei seinem Wortspiel nun überhaupt nicht gedacht.

(...) während des Urlaubs kam er nicht wirklich zur Ruhe. Schon nach wenigen Tagen gab es richtig Stress zwischen Sabine und ihm, da sie stets mit den Kindern unterwegs war und er im Hotel seine Musik mischte. So hatte sie sich den Urlaub nicht vorgestellt. Eines Nachmittags nahm sich Sabine die Zeit, mit Charly einmal offen über beider Leben zu reden. Sie sprach ihn direkt auf die Gerüchte über seine Affären mit anderen Frauen an und fragte konkret nach Nicole Theiß, die Tourmanagerin der „100 Tage“-Tour war. „Was ist zum Beispiel mit dieser Nicole, von der Du immer so schwärmst?“, fragte sie.

„Nicole kümmerte sich um die Tourfinanzierung und brauchte von mir die eine oder andere Unterschrift oder mal ein Schriftstück, mehr ist da nicht, war da nicht.“ „Und weshalb bist Du dann so 'nett' zu ihr gewesen, wie man mir gesagt hat?“, fragte Sabi nach. „Wer hat Dir das erzählt?“, wollte Charly wissen und fragte sich, was Sabi wissen konnte.

„Lass das bitte sein, das Ausweichen.“, rief Sabine.
Mir wurde mal von einer blonden Dame berichtet, die sich in Leipzig um dich bemüht haben soll. Einem Fotografen soll sie anschließend gesagt haben, sie wäre Deine Freundin.“

„Das ist alles Quatsch. Ich weiß gar nicht, wer so einen Mist erzählt. Ich hab‘ Dich niemals betrogen. Das musst Du mir glauben.“, rief Charly laut und merkte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn (...)

Donnerstag, 21. Oktober 2010

A-SEITE / Song 14: Remove Before Flight

„Vielleicht stimmt es, wenn man über mich sagt,
ich sei Deutschlands letzte Hoffnung auf den Pop-Olymp."
(Charly Davidson)

(...) Bis heute wird gemutmaßt, teilweise sogar wissenschaftlich untersucht, dass es Charly Davidson war, er den entscheidenen freiwillig-unfreiwilligen Anstoß zum Anfang vom Ende der Deutschen Demokratischen Republik gab und zwar durch eine Redewendung in einem Song seines Albums „VIEL SPASS“. Neben vielen anderen (und teils potentiell weltpolitisch schwerwiegenderen Denkanstößen) hatte Charly durch seine Single „Bis die Tage“ dafür gesorgt, dass eben jene Wortwahl „Bis die Tage“ im Sommer 1989 zwischen Schwerin und Karl-Marx-Stadt, Wernigerode und Guben zu einem geflügelten Wort bei Flüchtlingen der, in Götterdämmerung verharrenden, deutsche Zweitrepublik und damit sofort zu einer Stasi-Sache wurde. Es reichte bald, dass jemand „Bis die Tage“ sagte und schon stand er im Interesse des Ministeriums für DDR-Staatssicherheit.

In Berlin etwa meldete zum Beispiel eine Frau ihren Mann als der Republikflucht verdächtig, nur weil dieser sich von ihr mit der Bemerkung „Bis die Tage“ verabschiedet hatte, bevor er mit seinem Kumpel zum Wandern in den Harz aufgebrochen waren. Der Mann wurde unverzüglich aufgegriffen, verhaftet und später auch verurteilt. Seine Frau wiederum reichte daraufhin eine Schnellscheidung ein und zog mit den Kindern in einen anderen Stadtteil von Ost-Berlin um.

Von solchen Dingen ahnte Charly Davidson freilich nichts. Wäre dem so gewesen, hätte er wahrscheinlichheit 1990 auf seinem Album „ODYSSEUS“ (UT: „Auf Irrfahrt nach der Wende“) auch ein Lied über verratene Ideale und falsche Idole veröffentlicht. Doch auch ohne einen solchen Song stürmte das Album innerhalb von zwei Wochen, unterstützt auch durch viele Käufer aus der DDR, bis auf Platz 4 der deutschen Albumcharts. Und auch die Singleauskopplung „Königin“ platzierte sich in den Top 10 mit Position 8 als Spitzenposition. Ein neues Musikgenre erfunden, schon wieder ein Album in den Top 10, Erfolg in der ganzen neuen Bundesrepublik, dazu die Wende angeschubst und nun ein Werk über die Wende. Das war's! Nun war Charly Davidson tatsächlich zur Legende geworden, nicht einmal zehn Jahre (...).

(...) das Konzert im Jenaer Planetarium erinnerte sich Charly besonders, denn das Ambiente mit dem künstlichen Sternenhimmel inspirierte ihn spontan zu einer eigenen Version von „TUBULAR BELLS“, die er innerhalb einer Stunde nach dem Soundcheck einstudiert hatte und die enthusiastisch gefeiert wurde. Man überredete Davidson und Prosa nach dem Konzert sogar, noch einen Tag länger in Jena zu verbringen, was möglich war, denn der Folgetag war tourfrei und die Zimmer im Hotel „Schwarzer Bär“ noch nicht neu vergeben.

Karli ging am nächsten Morgen schon früh durch die Stadt, die damals noch den Flair der DDR-Zeiten hatte, aber schon vom beginnenden Aufbruch geprägt war. Erst zur Mittagszeit kehrte er zu einen verwirrt wirkenden Helmut Prosa zurück, der ihn schon hatte suchen lassen, und erklärte diesem rundheraus: „Hier gefällt es mir, ich werde nach Jena ziehen. Am Saalbahnhof
ist ein tolles Industriegelände, da kann man ein Tonstudio einrichten“ was Prosa wiederum an Charlys geistigem Gesundheitszustand zweifeln lies. Dessen gelegentlicher Größenwahn, sagte Prose einmal, sei manchmal kaum zu ertargen gewesen. Es muss jedoch zugestanden werden, dass Charly die Rocklegende war und nicht Helmut Prosa und dass ChD der damaligen Musikszene wirklich etwas zu bieten hatte, zudem auch noch jederzeit bereit, mit seinen Pfunden (und mit Geld) zu wuchern. Was er plante, war nicht mehr und nichts wenigerdie „JENAFARM“, das größte Musikstudio und Tonarchiv der neuen Fünfländer.

(...) Nun also war Charly in Deutschland auf dem Höhepunkt seiner Popularität angekommen, kokettierte ein klein wenig mit John Lennons „Jesus vs. Beatles-Vergleich“ und erklärte in einem anschließend in den deutschen Medien kontrovers diskutierten Interview mit den MUSIKER MUSIC NEWS: „Vielleicht stimmt es, wenn man über mich sagt, ich sei Deutschlands letzte Hoffnung auf den Pop-Olymp“. Licht aus: Womm! Spot an: Jaaaa! Nun war es also raus, gesagt und ausgesprochen von Charly Davidson mit seinen eigenen Worten. Was für ein Skandal! Da war das empörte „Ja, was denkt er denn, wer er ist?“ von Matthias Reim, gerade frischgekrönter Single-König des Jahres, noch eine der harmloseren Reaktionen, auch wenn Charly Jahre später einräumte, hier zu weit gegangen zu sein.

(...) Ärger in den Medien gab es für Charly diesmal allerdings nicht wegen seiner wirklich provokanten Songs sondern hauptsächlich, weil er im ursächlich nur lustig gemeinten Album-Song „Griff ins Klo“, die anstehende vierte Wiederwahl von Kanzler Helmut Kohl thematisiert hatte und vor allem anderen - dies war dann wohl der Gipfel des Frevels - wegen des „MASSENKAMPF“-Innencovers mit einer nachempfundenen FDJ-Fahne und Charlys Emblem „Das Auge der Gerechtigkeit“. Rechts schrie man „Unerhört! Eine Verherrlichung der FDJ“ und von Links gab es ein „Unerhört! Eine Verunglimpfung der Symbole der DDR“. Was so oft zuvor fruchtete, nämlich einem Produkt durch derart Publicity weiterzuhelfen, schlug dieses Mal (...)

(...) Davidson gab sich im privaten Kreis frustriert, vergaß aber in der Öffentlichkeit nicht zu erwähnen, dass es sich hierbei um sein „dreizehntes Album“ handeln würde und so etwas könne eben schon einmal schief gehen. Dann kam sein legendärer Auftritt bei Latenight-Diva Thomas Gottschalk.

Montag, 18. Oktober 2010

A-SEITE / Song 13: Switched-On Musik

„I take great pains now not to say anything
that's good copy because it becomes a headline.”

(Brian Eno)

(...) seine „Sphärenrausch“-Single, die er Sigmund Jähn gewidmet hatte und die ihm den Weg für eine Tour durch 57 DDR-Konzertsäle ebnete, die er im Frühsommer 1988 mit seiner BEGLEITUNG vor insgesamt mehr als 150.000 begeisterten Fans über die ostdeutschen Bühnen brachte. Das waren mehr Besucher als bei seiner letzten regulären bundesrepublikanischen Tournee und das lässt sich vor allem dadurch erklären, dass deutschsprachige Rockmusik vor der Wende in der DDR für die Musikfans einen wesentlich höheren Stellenwert hatte, als in Deutschland-West. Charly selbst sprach hierbei gerne von einer „Seelengemeinsamkeit“ mit den Ostfans.

Zur internationalen Musiklegende wurde Charly Davidson jedoch durch einen puren Zufall. Einen Zufall, den man nicht planen kann, wie sich gleich zeigen wird, den man aber gleichwohl in ahnungsloser Geradlinigkeit mehr als eine Dekade zuvor ermöglichen kann. Die Hauptrolle dieses Zufalls hatte das Schicksal hierbei
Mr. Brian Thomas Gary Charles Earl of Barqin, der sich selbst der Einfachheit halber „Brain One“ nennt, zugedacht.

Der Besuch, den Brain One im Februar 1988 „Charly’s Studio“ abstattete, sollte sich für den Gastgeber kurz und eher enttäuschend gestalten. 1988 hatte Charly (oder "Karrrl", wie er sich Brain One vorstellte) vor, für ein ganzes Jahr mit der Art von Musikmachen zu pausieren, die er die letzten zehn Jahre betrieben hatte und sich vordergründig elektronischen Musikprojekten zu widmen.
(...) Brain wiegte mit dem Kopf, ließ ein „nice“ und ein „I’ll avoid saying anything controversial“, musste dann aber - „Termine, leider“ - auch schon wieder gehen.

(...) Karrrls erste Soloschallplatte hatte sich in der Tat zu einer experimentell-surrealistischen Mischung aus Klängen, Geräuschen und synthetischen Blubbersounds entwickelt, der in Deutschland aufgrund mangelnder Nähe zum Werk Charly Davidsons zuerst kein großer Erfolg beschieden war, die aber, ohne das dies vorauszusehen war, ein sensationeller Erfolg in Großbritannien wurde.

Der Grund hierfür lag, neben der Promotion, die CAMOUFLAGE in Großbritannien für ihren Förderer ChD machten, unter anderem darin, dass der Künstlers das Album einem Menschen gewidmet hatte, der Wochen zuvor sein Studio besucht und es eher reserviert wieder verlassen hatte und Mitte Juli 1988 im Studio von BBC1 Radio-DJ Peter Powell saß, um dort über sein gerade veröffentlichtes Album „Music For Storms“ zu plaudern.

POWELL: Woher nehmen Sie die Ideen für solche Sachen wie „Music For Storms“?

ONE: Ich kann das auf zwei Dinge zurückführen. Einmal ... und ich habe das ja auf dem Plattencover beschrieben ... hat mich beim Aussteigen aus einem Taxi einmal der Wind fast umgeweht. Ich sagte „Oh nein!“ und stellte dann überrascht fest, dass ich mir dem Wind geredet hatte, ganz so wie in dem Song von KING CRIMSON. Dann war ich kurz danach mit einem gebrochenen Fuß nahezu bewegungsunfähig in einem Krankenhaus und bat die Schwester darum, das Radio anzustellen. Aber es war nicht sehr laut eingestellt und als es anfing, draußen fürchterlich zu regnen, konnte ich die Musik im Radio kaum noch hören. Nur noch die höchsten Töne waren vernehmbar und es war eine wunderbare Mischung aus Einzeltönen gemischt mit dem Geprassel von Regen. So kam mir die Idee auch einmal Musik für Stürme zu machen.

POWELL: Gerade ist ein Album eines deutschen Musikers erschienen, das er Ihnen gewidmet hat. „Korff Musik“ von Karl David Korff. Wie kam es zu der Widmung?


ONE: Oh, Charly. Ich kenne ihn, er kommt, glaube ich ursprünglich aus Wales. Wir hatten uns 1977 zufällig in Berlin getroffen und als ich Anfang des Jahres in Deutschland war, hat er mich zu sich eingeladen. Ich weiß nicht, warum er mir die Platte gewidmet hat und es bedeutet im Grunde auch nichts Besonderes. Ich mache meine Sachen und andere Leute ihre.

POWELL: Der Flughafen von Cardiff soll „Korff Musik“ in der Wartelounge spielen um den Fluggästen die Zeit bis zum Abflug zu vertreiben.

ONE: Wales, wie ich schon sagte. Der Flughafen von Cardiff, ein schönes Gebäude, sehr funktional. Ich saß vor kurzem im Kölner Flughafen, den der Vater eines der Mitglieder von KRAFTWERK designed hat. Musik wird eben für viele Zwecke gemacht. Ich mache Musik für Stürme und andere machen Lounge-Musik. Aber Lounge-Musik sollte schon eine Musik sein, die Menschen nicht zusätzlich beängstigt, wenn sie sich bereits wegen des Fliegens an sich Sorgen machen.

Das war’s. Mehr sagte der Eleventh Earl of Barqin nicht zu „KORFF MUSIK“, aber es reichte aus um einem Genre seinen Namen zu geben. Schon wenig später berichtete die britische Presse (dank einer finanziellen Unterstützung aus Deutschland an zwei nicht näher genannte Musikredakteure) über die „Lounge-Musik“ von Cardiff. Ohne es zu ahnen, hatte die internationale Musiklegende Brain One so den Nobody Karl David Korff, den man bisher nur in Deutschland und dort auch nur als Charly Davidson kannte, geadelt. (...) „KORFF MUSIK“ erreicht bis Ende 1988 im Deutschland immerhin noch Platz 28 der Album Charts; zusammen mit dem mehrwöchigen Platz 3 der MELODY MAKER „Ambient Charts“ also durchaus ein großer Erfolg für Charly aber natürlich auch für die GLOBA.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

A-SEITE / Song 12: Glück ohne Ende

„We’re gonne give you Pictures at an Exhibition”
(Keith Emerson)

(...) Am 28. Januar 1986 erschien (...) „LICHTBLICK“ und machte Charly mit einem Schlag zum GLOBA Star. Im Sommer 1985 produziert von Ronny Punk in dessen Studio in Weilerswist, hatte Charly für die Aufnahmen eine neue BEGLEITUNG gefunden, bestehend aus Gitarrist und Songwriter Helmut Prosa, Keyboarder Robert Fischer und Bassist Martin Latham. Der langjährige Bassmann Michael Bock war aus Solidarität mit Lukas Linde aus der BEGLEITUNG ausgestiegen, während Axel sie im Einvernehmen mit Charly verlassen hatte, um sich seiner eigenen Band RENTRYD zu widmen, deren erstes Album zu produzieren Charly ihm versprochen hatte. So war mit Drummer Barny Hirschmann nur noch ein einziges Mitglied der alten BEGLEITUNG weiterhin mit an Bord.

Vor allem die Helmut Prosa Kompositionen „Keiner liebt Dich, wieso ich“, „Alle auf einen“ und Charlys Ballade „Lichtjahre“ führten dazu, dass das Album im Februar 1986 unter die Top-3 der deutschen Album-Verkaufscharts kam. Weihnachten '85 war schon „Keiner liebt Dich, wieso ich? (B-Seite: Niemand weint so schön wie Du)“ ausgekoppelt worden und hatte zum Jahreswechsel 1985/86 Platz 3 der Single-Charts erreicht. Im Frühjahr folgte dann „Alle auf einen / Gespenster gibt’s doch nicht“, das zum Top-5 Hit wurde und „Lichtjahre / Richtung Sonnenuntergang“ kam im Sommer 1986 bis auf Platz 6 der deutschen Single-Charts.

Innerhalb von wenigen Monaten wurde Charly Davidson damit zu einer Gelddruckmaschine für die GLOBA (...)

(...) bekam zudem von der GLOBA eine Vertragsverlängerung angeboten, dieses Mal um ganze fünf Jahre, denn die Plagiatsklage hatte für seine Plattenfirma eines noch klarer gemacht: „Charly Davidson scheint ein Musiker mit beinahe unbegrenztem Talent zu sein“ - so jedenfalls schriftlich festgehalten in einem firmeninternen Memo aus dem Jahr 1987.


Als erstes kauften sich Charly und Sabi einen etwas baufälligen ehemaligen Bauernhof in der Nähe von Hanau-Steinheim, der dank großzügiger steuerlicher Abschreibungs-Möglichkeiten zu einem Tonstudio umgebaut wurde. (...) In „Charly’s Studio“ ließen sich Charly, Helmut und der Rest der BEGLEITUNG II viel Zeit um nach der „Lichtblicke“-Tour im Sommer 1986 an einem neuen Album zu basteln, das künstlerisch wesentlich anspruchsvoller als sein Vorgänger sein sollte. Als Motto zur neuen Platte hatte Charly außer einem Zitat von Winston Churchill zusätzlich eines von Voltaire gewählt, welches das neue Album namens „SO! ZUSAGEN“ folgendermaßen erklärte: „Das Geheimnis zu langweilen besteht darin, alles zu sagen.“ (...)

Aufgrund der Produktionsumstellung war „SO! ZUSAGEN“ dann erst im Oktober 1987 erschienen, aber sogar die ungeduldige GLOBA fand, dass dieses Album hohen Ansprüchen stand hielt. Zudem kam das Album bis auf Platz 16 der Charts, Charly wurde endlich wieder von den Kritikern gepriesen und nach fünf Jahren im großen Musikgeschäft mit dem Schallplattenpreis der Nachwuchsakademie München sowie anderen Medienpreisen ausgezeichnet. Lob gab es vor allem für seinen Titel „Der Himmel über der Bahnhofstreppe“, der eine musikalische Verbeugung vor der Schluss-Sequenz aus Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ darstellte.

Ebenfalls in den Charts äußerst erfolgreich war Charlys bereits im Juli erschienene Single-Auskopplung „Sphärenrausch“, seine Referenz an den ersten Weltraumflug eines Deutschen, der sich 1988 zum zehnten Mal jähren sollte. Den „Sphärenrausch“ von Sigmund Jähn - nach der Melodie von David Bowies „Space Oddity“ - mochte auch die Führung der DDR und packte ihn sofort, zusammen mit drei weiteren Davidson-Songs, auf eine Vierer-Single, die im Sommer 1987 in den deutsch-demokratischen Radiocharts zwischen Alhbeck und Karl-Marx-Stadt hoch platziert war und bei vielen DDR-Bürgern, angesichts der von Gorbatschow angekündigten Perestroika und der Landung von Mathias Rust auf dem Roten Platz in Moskau, zu Gedankenflügen führte. Als im September 1987 Erich Honecker als erster DDR-Staatschef die Bundesrepublik Deutschland besuchte, gab es deshalb für ihn, neben einer Lederjacke von Udo Lindenberg, auch ein weiteres Präsent. Aus der Hand von Charly Davidson erhielt er (...)

(...) eine Einladung nach London an den 11. Earl of Barqin, ihn doch einmal zu besuchen und sich das neue Equipment anzusehen. Die Einladung kam nicht von ungefähr. Charly wusste, dass diesem im Frühjahr 1988 anlässlich der Musikmesse Frankfurt aufgrund seiner Leistungen in Interpretation und Komposition, Musikwissenschaft und Lehre der „Internationale Musikpreis“ der Messe Frankfurt verliehen werden sollte. Was Davidson nicht wusste und schon gar nicht plante, war, dass dieser Besuch sein Leben für immer verändern sollte.

Montag, 11. Oktober 2010

A-SEITE / Song 11: Eine angekündigte Trennung

„All rock musicians are deaf … or insensitive to mellow sounds.“
(Marc Bolan)

(...) Mit seinen Alben „KONTAKTAUFNAHME“ und „DAS KLEINE MAL“ war Charly Davidson das gelungen, was andere ein Leben lang vergeblich versuchen: man hatte ihm einen Kulturpreis verliehen und Charly war der angesagte Liebling der bundesdeutschen Intellektuellenszene. Nun stand die Veröffentlichung eines weiteren Albums bevor, das nach dem Wunsch der führenden Kulturschaffenden des Landes eine Abrechnung mit dem Gros der Gesellschaft werden sollte, das gerade dabei war, sich in Zeiten der nuklearen Nachrüstung zu Tode zu amüsieren. Wenn überhaupt einer bei der Jugend ein Zeichen setzen kann, dann Charly Davidson, sagte man und wertete es als gutes Omen, dass das neue Album „ZEICHENSPRACHE“ heißen sollte. Auf der anderen Seite stand Charlys Plattenfirma BLUE LIPS, die von ihm eine höhere Kommerzialität eingefordert hatte als bislang. Und mittendrin stand Charly Davidson selbst, dessen künstlerisches Motto „Erwarte das Unerwartete“ war.

Wie man heute weiß, wurde „ZEICHENSPRACHE“ für das Label zum ersten großen finanziellen Erfolg der Firmenhistorie, für Davidson ein Sprungbrett in noch höhere Sphären und für die intellektuelle Elite Deutschlands ein Desaster, ein Fanal dafür, dass man Kulturprotest nicht steuern kann. Mit dem Wissen „Wie hirnlos dieses Machwerk ist: Die Texte sind etwas für Analphabeten, ihre Unverständlichkeit kein Beweis für tiefe Gedanken. Das Ganze ist meine Sache nicht.“ - ein Zitat von „Marcello Kreisch-Kranitzki“, wie Charly ihn in einer Talkshow nannte -, wirkte das (...)


(...) „Weißt Du“, sagte Lukas empört zu Charly „wir reden sonst über alles, wann wir Urlaub machen und wohin wir dann und dann fahren, Du befragst mich zur Erziehung Deiner Töchter, und das, obwohl ich schwul bin. Wir sprechen über den Titel des neuen Albums, wie wir es promoten wollen, aber über so was reden wir nicht. Nach sechs Jahren Partnerschaft, und ich bin mit Dir durch dick und dünn gegangen, sagst Du mir einfach ‚Ich habe Ronny Punk verpflichtet‘ und das war‘s. Was soll das?“

Was dann als Antwort aus Charlys Mund gekommen war, verletzte Lukas zutiefst. Charly sah ihn an und sagte dann: „Wenn’s Dir nicht passt, dann kannst Du ja kündigen“. Lukas war gelähmt. „Ich will das nicht, die Plattenfirma will das nicht, keiner will das. Aber wenn Du mit der Sache nicht zurecht kommst, dann geh doch einfach“. Das und nichts anderes, so schwor Lukas später, sagte Charly damals zu ihm.

Doch Lukas Linde wollte nicht gehen, er wollte kämpfen und solche Energie führt oft und so auch in diesem Fall zu außergewöhnlichen künstlerischen Ergebnissen. Luke präsentierte Charly in den kommenden Monaten jede Woche eine neue musikalische Idee und jeder Song war besser als der zuvor vorgestellte. „Dolmetscher“, „Der Weg zurück“, „Kaleidoskop“, „Man soll nicht alles machen, was gut riecht“ und vor allem „Buschmann“ waren grandiose Kompositionen, für die Charly schnell die geeigneten Texte (...)

(...) Während der „Mann soll nicht alles machen, was gut riecht“-Tour 1984 hatten Charly und Luke Waffenstillstand geschlossen, aber einen Tag nach dem Tour-Ende im August hatte Charly dann seinen Freund Lukas zum Gespräch gebeten und ihm eröffnet, dass es so nicht mehr weiter gehen könne, listete ihm alle Defizite auf und meinte, dass der Auftritt in Kassel, den der HESSISCHE RUNDFUNK im Rahmen seiner „RockTour“-Serie im Radio gesendet hatte, der letzte für Lukas als Charlys Begleiter gewesen sei.

Auf die Frage eines geschockt-überraschten Lukas Linde, ob er schon „einen Neuen“ habe, log Charly und sagte: „Ich mache jetzt erst einmal eine kreative Pause“.

Nur eine Woche darauf brach Charly auch mit Alf und BLUE LIPS, die sich gerade Gedanken machten, wie viel Geld man Charly bezahlen müsse, damit dieser den am 31. Dezember auslaufenden Vertrag mit BLUE LIPS verlängern würde (das erste Angebot hatte Charly abgelehnt). In Köln unterschrieb Charly im August 1984 statt dessen einen Drei-Jahres-Vertrag mit der GLOBA, dem zweitgrößten Deutschen Label, dem später noch insgesamt drei Fünf-Jahres-Verträge folgen sollten. Damit wurde Charly zwischen 1985 und 2002 zu einem der bestbezahlten nationalen Künstler.

Bei der Vertragsunterzeichnung stellte er auch gleich als neuen Partner einen gewissen Helmut Prosa vor, einen jungen talentierten, rothaarigen Gitarristen, Songschreiber und Musikproduzenten mit eigenem Studio aus Wien, der zuvor mit Falco gearbeitet und den Charly im Sommer für sich auserwählt hatte. In der Frankfurter „Batschkapp“ hatte sich Helmut Prosa ganz genau den vorletzten Auftritt von Lukas angesehen und Charly, der ein aufmerksamer Zuhörer war, gleich nach Konzertende die Defizite von Lukas Linde präzise aufgezählt, die Charly Luke fast ohne eigene Ergänzung aufgelistet hatte.

Damit war die Trennung besiegelt und Lukas und Charly sprachen anschließend fast zwanzig Jahre lang kein einziges Wort mehr (...)

Donnerstag, 7. Oktober 2010

A-SEITE / Song 10: Spagat ist, wenn man's trotzdem macht

Niemand gibt uns eine Chance
Doch können wir siegen
Für immer und immer
Und wir sind dann Helden für einen Tag“
(David Bowie und Antonia Maaß)

(...) wagte Charly Davidson, gerade 18 Jahre alt geworden, etwas, das wohl der Schlüssel für seine späteren Erfolge ist und damit zur Grundvoraussetzung wurde, um eine Rocklegende zu werden. Charly setzte zu einem Spagat an, von dem ihm seine Umgebung dringendst abriet, wagte ihn trotzdem, und behielt wider jede Logik Recht. Da er ihn überlebte und sogar noch stärker hieruas hevorging, machte er dies fortan zu einer seiner Lebensregeln und nannte es „Expect The Unexpected“ - „Erwarte das Unerwartete“.

Sein Abitur hatte Karli mit einer eher mäßigen Gesamtnote geschafft, weshalb er auch nicht an die Frankfurter Goethe-Universität gehen wollte und konnte, wie es sich seine Mutter so sehr von ihm gewüscht hatte und wofür sie ihm einen weißen VW-Käfer gekauft hatte. Dafür tat der Junge seinen Eltern kund, er wolle sich an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung/HfG zum Studium einschreiben und gleichzeitig eine eigene Musikband gründen und Geld verdienen. Die Familie war entsetzt, aber Charly ließ gegen diese Entscheidung keinen Widerspruch zu, egal wie stark seine Eltern dies auch versuchten; er zog es durch. Damit begann er seinen Spagat zwischen Daseinsvorsorge und künstlerischem Drang, der ihn bis zu seinem Tod beschäftigte, begann im August an der HfG sein Studium der Produktgestaltung und gründete im
Sommer die Elektro-Folkband CHARLY DAVIDSON AND FRIENDS.

Mit CDAF wollte Charly - wie der Bandname bereits vorwegnahm - ein Programm mit Folk- und Rocksongs plus Synthesizer-Musikelementen auf die Beine stellen und dabei sowohl englische als auch deutsche Texte singen. Vor allem seine Lieblingssongs von Dylan bis TYRANNOSAURUS REX wollte er in eigenen deutschen Übersetzungen an den Mann und die Frau bringen. Soweit der Plan. Woher aber die FRIENDS in seiner Band kommen sollten, das war Charly allerdings noch nicht klar. (...)

(...) hatte Charly dann noch für einen recht stolzen Geldbetrag, den er sich von seiner Mutter geliehen hatte , den legendären TELEFUNKEN Echo-Mixer von KW abgekauft, den Ralf Hütter und Florian Schneider-Essleben bis 1974 bei ihren Bühnen-Auftritten benutzt hatten und den Schulz im Auftrag verkaufen sollte. Nun war Charly Davidsons improvisiertes Tonstudio „Offenbacher Neue Energie/O.N.E.“ bereit für größere Taten und die damals mit den drei Mikros und dem TELEFUNKEN Pult aufgezeichneten Livemitschnitte Charlys von CDAF und den anderen Musikclub-Schlachthof- Bands besitzen noch heute eine herausragende Tonqualität , wovon ich mich oft, wenn ich Charly und seine Frau besuchen kam, selbst überzeigen konnte.

(...) machte Charly seinen bereits erwähnten Besuch in Berlin bei David Bowie und Brain One und kehrte danach wohlbehalten wieder nach Offenbach zurück, wobei dann erst einmal der Besuch eines Liedermacherseminar anstand, bei dem sich Charly für einen „Werkstattkurs“ für Mundartlieder angemeldet hatte. Dabei lernte Charly den Liedermacher-Veteran Jo Mateiko kennen, der wie er in Offenbach lebte und ein ebenso lustiger wie betagt-entspannter Lebenskünstler war. Auf dem seinerzeit in der Lokalpresse abgedruckten Foto ist Jo Mateiko gut zu erkennen, verdeckt allerdings Charly, den man aber trotzdem an seinem ROCK BOTTOM T-Shirt in der Bildmitte ausmachen kann.

Jo erinnerte Charly immer an den alten Ben Gunn aus Stevensons Schatzinsel, eine Art verlotterten Robinson Crusoe. „Schaut Euch die Menschenmumien an“, sagte Jo und führte dabei theatralisch die Hand über die Augen, „wie sie herumkrabbeln im Irrwitz der Welt. Ich dagegen wurde einst als Greis geboren und von Tag zu Tag werde ich jünger!“. Charly konnte kaum noch vor Lachen und es sollte noch knapp zwanzig Jahre dauern, bis er feststellte, dass Jo auch nur mit Wasser gekocht hatte und sich diese Idee aus einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgeralds ausgeliehen war. Nach Joes Tod schrieb Charly über ihn den Text „King Joe Mateiko“.
(...) Mateiko revanchierte sich, was Beleg für sein aufrichtiges Herz war, für Charlys Unterstützung, indem er ihn Ende 1977 als Sänger an eine Frankfurter Politrockband namens FLIESSBAND vermittelte. Über vierzig neue Songs hatte Charly da schon geschrieben und gab ohne lange nachzudenken seine Band auf, um Polit-Rockstar zu werden, wenn auch nur auf den Bühnen von Gewerkschaftshäusern, „Rock gegen Rechts“-Veranstaltungen und SPD-Festen. Politrock war Ende der 70er Jahre durchaus ein ernst zu nehmender Zweig der deutschen Musikkultur. Bands wie FLOH DE COLOGNE, LOKOMOTIVE KREUZBERG, IHRE KINDER, FRANZ K. oder TON, STEINE, SCHERBEN waren politische Institutionen, zu denen Charly auch noch das GRIPS-Theater aus Berlin zählte (...)

(...) „ELEKTROMUSIK“ enthielt die frühen Aufnahmen von ihm mit seinen eigenen Synthesizern, „LAST CHANCE“ hatte er hauptsächlich mit seinem neuen ARP-Axxe Synthesizer eingespielt, der bei MUSIK-RENZ von den CDAF-Gagen angeschafft wurde, und war mit Hilfe eines ausgeliehenen ARP-Sequencers verfeinert worden, den Charly Davidson wenig später in Ratenzahlung erwarb. Die FRIENDS merkten daran, dass sich Charly langsam von ihnen abnabelte und suchten sich daher ihre eigenen neuen Betätigungsfelder, Bands oder Berufe. Charly selbst, so einer aus der Band später, hatte das Gespräch über die Auflösung der Band vermieden, hatte ihnen auch nichts von seinem Entschluss „pro FIESSBAND“ erzählt und war irgendwann einfach nicht mehr zu vereinbarten Proben erschienen. Aber man habe in seinen Erzählungen schon gemerkt, dass ihn die mögliche große Karriere als FLIESSBAND-Sänger fasziniert habe. In der Tat: Charly Davidson wollte mehr, wollte höher hinaus, am Besten ganz nach oben, wickelte deshalb CDAF und PRELUDE schnell und endgültig mit der Cassette „LAST SONGS“ ab, war damit offen für das Neue, das Unerwartete.

Und das erwartete Unerwartete kam auf Charly zu in der Gestalt dreier Menschen, die ihn danach weite Strecken seines kommenden Lebens begleiteten: Sabine Stern, Lukas Linde und meine Wenigkeit. Wie man sich vielleicht erinnert, geschah all dies an einem warmen Sommerabend im Juni 1978, als ich nach Frankfurt-Fechenheim fuhr, um dort im selbstverwalteten Jugendzentrum die Politrockband FLIESSBAND mit ihrem Sänger Charly Davidson live zu erleben.

Montag, 4. Oktober 2010

A-SEITE / Song 9: Snowjumper (oder: En næsten perfekt næse for sne)

„Es geschah etwas im Raum, die Temperatur fiel,
die Anzahl der Schwingungen sank, alles erstarrte.
Er schloss die Augen.
Als er sie wieder öffnete, nach fünfzehn Sekunden,
lagen die Banknoten noch da.
Er nahm sie an sich, ehe es zu spät war.“
(Peter Høeg)

(...) Ebenso wie Fräulein Smilla Jaspersen aus Spuren im Schnee Erkenntnisse ziehen konnte, die anderen verborgen blieben, spürte Charly Davidson die Besonderheit mancher Dinge oft schon lange, bevor andere etwas davon rochen. Und böse Zungen behauteten gelegentlich, dass Charly seine gute Nase für ihre Fähigkeiten ganz besonders belohne und hierfür eine ganz besondere Sorte an Schnupftabak benutzen würde.

Die Gerüchte begannen im Frühjahr 1990, als Charly für für den Schnupftabakhersteller Pöschl deren Werbeslogan „Zieh‘s Dir rein!“ erfand und dazu eine Schnupfanweisung gab, die offenbar auch heute noch von der Firma verwendet wird. „Beginnen Sie mit kleinen Prisen. Schnuppern Sie den Snuff nur ganz leicht auf. Das bringt Ihnen den höchsten Genuß. Nehmen Sie sich nach der Prise ein paar Sekunden Zeit. So kosten Sie das Aroma des Snuffs richtig aus und können das prickelnde Gefühl der Frische genießen“, schrieb er und (wer hätte etwas anderes von ihm erwartet?) schnupfte Charly Davidon ab diesem Zeitpunkt exzessiv.

Die Favoritenrolle in seinem Riechorgan übernahm dabei schnell Pöschls „Schneeberg“- Erfrischungsprise im weißen Glasfläschchen, die dem Schnupfenden sofort hoch in die Nase stieg.
Dass im „Schneeberg“ oder den auch von Charly verwendeten „Ozona“-Döschen nicht immer nur die Pöschl-Mischung gewesen sein soll, tuschelte man hinter vorgehaltener Hand und solcherlei Indiskretionen wurden von bestimmten Teilen der Presse natürlich gierig aufgegriffen, was sicherlich auch deshalb geschah, weil Charly seine weißen Prisen damals auf der Bühne oft durch einen gerollten Geldschein in die Nase einatmete, wobei er sich über die entsetzten Publikumsreaktionen köstlich amüsieren konnte. Weniger köstlich amüsierte sich natürlich Pöschl und kündigte ihm den Werbevertrag Ende 1990 und damit noch vor seinem schweren Autounfall mit Verdacht auf Drogenmißbrauch.

Obwohl sich das nicht bestätigte, beschlagnahmte die Polizei auf der 1992er „AUSBRECHER“-Tour sämtliche Schnupftabak-Bestände Charlys und fand erneut nichts Verbotenes darunter. Charlys Anwalt Dr. Robert Arnold, der ihn auch nach der Unfallgeschichte aus dem Gefängnis geboxt hatte, verwahrte sich auf der anschließenden Pressekonferenz gegen die „grundlose Verfolgung eines unbescholtenen Steuerzahlers“ und führte die Gerüchte „leider auch auf Charlys Großspurigkeit und dessen mangelnder Glaubwürdigkeit bei vielen Äußerungen“ zurück, worauf Charly ihm noch am gleichen Abend (...).

(...) In Zusammenhang mit den Fähigkeiten von Charlys Näschen standen immer auch seine Kontakte zu bekannten Musikgrößen, die er üblicherweise über Interviews anbahnte. Sein erstes Interview gelang ihm 1976 mit Mike Krüger und hatte noch keinen persönlichen Hintergrund. Doch schon kurz danach versuchte Charly bereits, Interviews nicht nur des Interviews willen zu führen, sondern hierbei auch die Neugier seines Gegenübers zu wecken, ihn unbemerkt zu ködern und bei diesem Interesse an ihm zu wecken.

So schaffte er es, dass ihn Jean Michel Jarre zuhause anrief, um mit ihm über Pierre Schaeffer zu plaudern (Charly schnitt das Interview exklusiv für den hr mit), Götz Alsmann lieh Charly anlässlich eines Radio-Interviews den kompletten BRAVO-Jahrgang 1957 den der Entertainer danach in der tiefsten Nacht in einer Kneipe vergaß und deswegen zerknirscht bei Sabi anrief und seine Untat beichtete was Charly einen ewigen neuralen Schuldschein des Entertainers einbrachte.

Ein Beispiel für die Tricke, die Charly so draufhatte, ist Mike Oldfield (den Charly Davidson seit 1973 interviewen wollte, es aber erst 1981, nach dem Gewinn seines Nachwuchspreises, schaffte) für den er einen Interview-Auftrag der MUSIKER MUSIC NEWS an Land zog. Zuerst war es ein ganz normales, professionelles Interview zwischen zwei Menschen, die sich nicht kannten. Nach dem Interview erwähnte Charly aber kleine Einzelheiten über neun Software für das FAIRLIGHT-Computerkeyboard, mit dem Mike damals überwiegend arbeitet und die Davidson kurz zuvor bei Synthesist Klaus Schulze erfahren hatte, der gerade aus Australien zurückgekehrt war. Plötzlich taute Oldfield auf und die beiden verbrachten die weitere Nacht an der Hotelbar und redeten und redeten und redeten.

Was darauf folgte war eine Einladung Mikes an Charly in sein Landhaus, die Davidson natürlich gerne annahm, schon wenige Wochen säter nach Wales und zu Oldfields Anwesen fuhr und nachher stolz die Polaroid-Fotos herum reichte, die ihn zusammen mit Mike in dessen Stamm-Pub zeigten.


Aber Charly konnte auch anders. Peter Gabriels Eitelkeit etwa konnte ChD dadurch wecken, dass er Backstage auf dessen Frage „Du möchtest mich wohl interviewen?“ mit einem „nein“, antwortete und „Ich möchte zu Larry Fast“ anfügte.

Man kann sich vorstellen, wie verdutzt Gabriel in diesem Moment war und wie sehr er sich später darüber freute, dass Charly doch noch mal bei ihm vorbei schaute. Gabriels Support Act, die damals noch weitgehend unbekannten SIMPLE MINDS, waren Charly dagegen kein Interesse wert; er ließ Jim Kerr und Charlie Burchill unbeachtet in ihre Gaderobe verschwinden. (...)