wie die nackte Wahrheit.“
(Joseph Conrad)„Ich war der dritte Mensch auf dem Mond.“
(Charles Conrad)
(...) sein Nachname norddeutsch-vornehm und zweisilbig betont wie „Vor-Aigner“ auszusprechen gewesen wäre, machten Musiker wie George Harrison, Keith Richards, bei deren Musikprojekten er gelegentlich als talentierter Bassist tätig war, daraus grundsätzlich ein Wort: „Foreigner“ - ausgesprochen ganz so wie der Name der britisch-amerikanischen Rockband. Aber Lars Voreigner hatte, wie jeder Vollblumusiker, auch einen Spitznamen und wenn der fiel, war jede weitere Erklärung, wen man meinte, überflüssig: „Pallmall“. Und auch Charly konnte sich nicht daran erinnern, gesehen zu haben, dass Pallmall jemals eine andere Zigarttenmarke konsumiert hätte.
Geboren irgendwann Ende der 40er Jahre in Niebüll, nahe der deutsch-dänischen Grenze, hatte Pallmall in Hamburg Germanistik und Grafik studiert und war mit der Zeit ein guter Musiker und Musikproduzent geworden. 1960 waren seine Eltern in den berüchtigten Hamburger Stadtteil St. Pauli gezogen und die Wohnung lag, wie der Zufall so spielt, direkt über dem
„Sternenkino“ auf der Großen Freiheit, aus dem 1962 dann der „Star-Club“ werden sollte.(...) Pallmall lernte Charly Davidson 1989 auf äußerst kuriose Weise kennen. Dieser hatte nämlich in einer Radiosendung behauptet, das Bass-Intro auf „You’re So Vain“ von Carly Simon sei gar nicht von Lars Voreigner gespielt worden, worauf Pallmall umgehend bei Charlys Plattenfirma angerufen hatte um ihm Ärger anzukündigen, falls er das noch einmal behaupten sollte. Man traf sich zur Versöhnung und Charly verriet Pallmall dabei, dass seine Behauptung nur ein Trick gewesen sei, um in Kontakt „...mit dem großen Lars Voreigner...“ zu kommen.Der fühlte sich geehrt und fraß schnell einen Narren an Charly, vor allem als der ihm von Wales, „V-2 Schneider“ und der Erfindung der Lounge-Musik erzählte.
Vor allem wollte Pallmall wissen, wie Charly Davidson zu seinem Namen gekommen war.
„Das war, als ich 16 Jahre alt war“, erzählte Charly. „Genau in dem Moment, als ich mich entschloss, die Welt auf gar keinen Fall unter meinem echten Namen zu erobern, spielte der SWF-PopShop gleich zwei Mal Elektromusik. Die 'Kometenmelodie' von KRAFTWERK und zuvor Mary Roos mit 'Arizona Man'.“Und eben in diesem Moment, sprach Charly, sei er von den Worten „Kometenmelodie“ und „Arizona Man“ beseelt worden und habe sich innerhalb weniger Minuten zu einem anderen Wesen entwickelt. Einem Wesen, das strahlend über den Atlantischen Ozean flog, einen langen Kometenschweif hinter sich herziehend, und das sich in Arizona, nackt und unschuldig auf einem Chopper sitzend, wiederfand, wie es einen schnurgeraden Highway direkt in den Sonnenuntergang hineinfuhr.
„Ha, ha. Sex and Drugs and Rock 'n' Roll“, sagte Pallmall zu ihm, aber Charly korrigierte ihn schnell: „Elektronik Sex and Drugs“. Beide lachten. Und dann enthüllte ihm Charly das wahre Geheimnis, das er sonst noch niemanden erzählt habe, wie er betonte. „Es mag verrückt klingen“, sagte er zu Lars Voreigner,„aber als ich auf den Tank des Motorrades blickte, da funkelte mich in goldenen Lettern ein Schriftzug an: CHARLY DAVIDSON. Das war's. So einfach lagen die Dinge.“(...)
Wqs den Sex anbetraf, so musste Gott damals regelmäßig Pausen einlegen, um sich die flehentlichen Bitten Charlys anzuhören, er möge doch bitte die Sex-Welle nicht so schnell ausrollen zu lassen. Wenigstens einmal wollte Charly den „Sündenfall im Hühnerstall“ mit eigenen Augen sehen, bevor es ihn nicht mehr geben würde. Er betet und betete und ahnte dabei nicht, dass der erotische Wind sich bis zu seinem achtzehnten Geburtstag drehen würde. Zwar erhörte der große, alte Bananenschalerwerfer im obersten Stockwerk des Himmels den Wunsch des Jungen, aber er ließ ihn bis zu dessen achtzehnten Geburtstag zappeln. Und die Zeit bis dahin wollte und wollte einfach nicht vergehen.(...) nutzte die frauenlose Zwischenzeit als ständiger Gast in der Stadtbücherei. Dort geriet Charly eines Tages an die FUNKSCHAU Ausgabe 23/1973 mit dem Artikel „Was ist ein Synthesizer?“ von Hans Funk, in dem er folgendes las:
„(…) Wir befinden uns immer noch im Anfang des Kunststoff-Zeitalters der Weltgeschichte der Töne und Klänge, in dem, wie in jeder Entwicklung, am Anfang der Missbrauch steht, die Imitation von bereits Dagewesenem, bis mit dem neuen Stoff auch die neue Form entsteht. Der echte Synthesizer ist aber kein Musikinstrument in diesem Sinne, er ist vielmehr ein System zur Entfesselung und des Sezierens, der operativen Auftrennung aller nur denkbaren Nervenpunkte am komplizierten Organismus eines Tones oder Schallereignisses, und ihrer Wiederzusammenfügung in beliebiger Gesetzlosigkeit. Je willkürlicher, je komplizierter, je unberechenbarer dieses System arbeitet oder bearbeitet werden kann, desto reizvoller und interessanter ist es. Zumindest für den, der das sucht, was bisher noch kein Musikinstrument zu bieten vermochte, den Vorstoß in einen unbegrenzten Raum von Möglichkeiten, in dem man fasziniert und resigniert zugleich die Hilflosigkeit unserer Vorstellungskraft erkennen muss. (…)“ Diese Worte fesselten ihn. Charly wollte unbedingt einen Synthesizer ausprobieren, mit ihm in neue Klangwelten vorstoßen. Doch da er und seine Familie weiterhin in eher bescheidenen Verhältnissen lebten, schie die Möglichkeit des Erwerbs eines eigenen elektronischen Musikinstrumentes aus.
Kurz bevor er die Bücherei verließ, riss Charly vorsichtig den Artikel von Hans Funk aus der FUNKSCHAU aus und nahm ihn mit ach Hause. Er vergrub sich in seinem Zimmer, dachte nach, fand, dass sich seine Bastelfähigkeiten seit der Reparatur des Volksempfängers doch erheblich weiterentwickelt hatten. So beschloss Charly, sich einen Synthesizer selbst zu bauen.Nach Schalt- und Konstruktionsplänen aus dem LEXIKON DER ELEKTRONISCHEN MUSIK von Eimert und Humpert, entstand zwischen Sommer 1974 und Frühjahr 1975 aus den Innenleben zweier Elektronikbaukästen von KOSMOS und NECKERMANN der DX I, ein kleiner aber feiner Synthesizer ohne Tastatur, dafür aber mit zwei Kondensator-Oszillatoren und kurz danach auch schon sein erstes elektronisches Meisterstück, der DX VII , den Charly noch 1978 als FLIESSBAND-Sänger auf der Bühne einsetzte, weil er damit die Bombenangriffe auf Santiago de Chile eindrucksvoll imitieren konnte.
(...) hatte der junge, talentierte Musiker und versierte Techniker, der frühreife Songschreiber und spätpubertiernde Einzelgänger, das bislang größte Defizit seiner Entwicklung behoben und war durch eigene Hände Arbeit zu einem richtigen Mann geworden.
Nun war Charly Davidsons Kopf frei für eine fast beispiellose Musikkarriere und, wie er sich festvornahm, für die Frauen der Welt. Seine allererste, mit der mehr als Händchenhalten angesagt war, hieß Jessy Bergmann.
Charly hatte sie 1976 in Dijon bei einer Bildungsreise der Europa-Union kennen und lieben gelernt und dass seine Favoritin in Niebüll lebte (im gleichen Niebüll übrigens, in dem Pallmall geboren wurde), hielt ihn nicht davon ab, sie mehrfach zu besuchen und im Juni 1977 verbrachten beide mit einigen Freunden, Freundinnen und Bekannten Jessys einen kurzen Urlaub in Schweden, der Charly nachhaltig prägte. Besonders an eine bestimmte Nacht erinnerte er sich, notierte sie in seinem Tagebuch:»Gestern habe ich meinen ersten Joint geraucht und dann hatten wir alle miteinander Sex auf der großen Luftmatratze oder einfach auf dem Boden zwischen dem Heidekraut. Jessy, ich danke Dir, dass Du mir diese Tür geöffnet hast. Heute morgen war die Luftmatratze ebenso kreidebleich wie unsere Haut. Wir wuschen uns gegenseitig ab und einige haben danach schon wieder miteinander geschlafen. Ich habe heute nicht nur mit Jessy gebumst sondern auch mit Gundi und mit Andrea. Gundi sagte "Mann, was hast Du denn für eine Latte" und ich habe nur zu Jessy geschaut und die sagte "Mach doch" und dann ging es einfach los und vier Hände zogen mich in eine Ecke. Diese Nacht werde ich mein Leben lang nicht
vergessen, denn es hat mir wirklich großen Spaß gemacht, und Jessy auch, denn ich sah, wie sie mit Burt schlief, einem Kieler, der wie Jimi Hendrix aussah und von dem mir Jessy verraten hatte, dass sie schon lange wissen wollte, wie Sex mit ihm wohl wäre.(...) Zum Mittagessen haben wir dann alle darüber überhaupt nicht mehr geredet, so selbstverständlich war das, was heute Nacht passiert ist. Wir haben lieber über politische Themen diskutiert. Es gab große Meinungsverschiedenheiten, ob Ulrike Meinhof umgebracht wurde oder nicht. Später habe ich dann auf der Gitarre ein paar Songs gespielt.«Im Sommer darauf lernte Charly Sabine Stern kennen, seine spätere Frau, und beendete seine Beziehung zu Jessica, die heute verheiratet sein und in den Niederlanden leben soll. Die Fotos des Schweden-Urlaubs von 1977 hat Charly aber immer aufgehoben, hat sie vor Sabine versteckt. So auch ein Foto, auf dem sich Jessy nackt auf der Luftmatratze räkelt und das später Hintergrundbild der Aktion „Verfolge die Rocklegende“ wurde.





































