Donnerstag, 2. Dezember 2010

B-SEITE / Song 9: Spiel mit dem Feuer

„I am the god of hellfire and I bring you:
Fire, I'll take you to burn.
Fire, I'll take you to learn.
I'll see you burn!“
(Arthur Brown)

(...)
Reizwolf“-Tour, deren Beginn kurz nach der Albumveröffentlichung für Mitte Dezember 2005 geplant war, standen für Charly allerdings unter keinem günstigen Stern, was auch unmittelbaren Einfluss auf die von Uschi Maus allen angekündigte Hochzeit hatte. Charlys neuer Manager Thomas Skrizipek hatte bei Konzertveranstalter Franz Rauch von „Hitman & Rauch Concerts“ erreicht, dass der Vorverkauf für die Tour schon drei Monate vor der Veröffentlichung des Albums starten sollte. Der begann daher bereits am 12. August 2005, lief aber wegen der Urlaubszeit nur schleppend an. Selbst nachdem das Album „REIZWOLF“ Mitte November auf dem Markt erschienen war und gleich Position der Charts 19 belegte, lief es mit dem Vorverkauf nicht besser.

Skrizipek meinte - wohl nicht ganz zu unrecht - dass daran Charlys Engagement für den Thüringer Minsterpräsidenten mit schuld gewesen sei, zu dem Charly und Uschi über die „Mittelständische Vereinigung Thüringen“ Kontakt bekommen hatten und den Charly einigermaßen sympathisch fand, wie er der Presse mehrfach erklärt hatte, waren beide doch fast ein und derselbe Jahrgang.

Für den Thüringer MP hatte sich Charly im Landeswahlkampf 2004 positioniert und das war einigen seiner alten Fans bitter aufgestoßen. Für sie schien Charly Davidson, wenn schon nicht mehr in der SDAJ verwurzelt, politisch zumindest immer noch der SPD oder den Grünen zugeneigt zu sein, was er ja mit dem Song „Walverwandschaften“ deutlich bewiesen hatte. Nun schien er jedoch zum Freund der CDU mutiert und das war in verschiedenen Internetforen, auch denen seines Fanclubs „Lichtblicke“, natürlich heiß diskutiert worden, zumal Charlys ur-deutsches Humorverständnis im Werbeclip für das "REIZWOLF"-Album (siehe unten!) vielen geradezu im Halse stecken (...)

(...)
die Scheidung für Charly ein Scheitern darstellte, war er jetzt frei für seine neue Liebe Uschi, denn kurz zuvor waren auch Ursula und Rudolf Maus, die bereits seit 2003 getrennt lebten, geschieden worden und Uschi drängte ihren Charly nun so schnell als möglich zur Hochzeit. Dass beide dann aber trotzdem erst im Februar 2006 heirateten, hatte mehrere tragische Anlässe, denen auch die geplante „Reizwolf“-Tour im Dezember und Januar zum Opfer fiel. Völlig überraschend erhielt Charly im Juni die Nachricht, dass sein Gleitschirm-Guru, der Jenaer Norman Lausch, bei einem Testflug tödlich verunglückt war, und, als sei das nicht schon schlimm genug gewesen, folgte daraufhin das Drama um Lukas Linde, das Charly bis ins Innerste (...)

(...) am 30. November 2005 warteten er und Mick vergeblich auf Luke und Charly ärgerte sich maßlos über dessen Unzuverlässigkeit. Selbst telefonisch konnte Charly ihn nicht erreichen; ständig meldete dessen Handy, dass der Teilnehmer „nicht verfügbar“ sei und ans Festnetztelefon ging Lukas Linde ebenfalls nicht. Was war da los, fragte sich Charly.

Erst am Abend des 1. Dezember erreichte er telefonisch Lukas Schwester und zu seiner Bestürzung musste diese ihm mitteilen, dass Luke in der Nacht zuvor verstorben war. Am 28. November 2005 (dies war exakt drei Jahre vor Charlys eigenem Tod) hatte es in Lukas Lindes Wohnung in der Herxheimerstraße gebrannt und das Feuer hatte ihn im Schlaf überrascht.

Mit schweren Verbrennungen und nicht ansprechbar war er sofort in die Frankfurter Universitätsklinik gebracht worden, wo Lukas ins Koma gefallen war und zwei Tage später starb, ohne nochmals das Bewusstsein erlangt zu haben. Nach den Feststellungen der Polizei hatte eine Kerze das Mobiliar entzündet und es wurde gemutmaßt, dass Lukas kurz zuvor Betäubungsmittel konsumiert hatte; von Experimenten mit exotischen Pilzen war in anderen Quellen die Rede gewesen.

Charly Davidson war am Boden zerstört, an Bandproben oder den Beginn der Tournee war nun nicht mehr zu denken, Hitman & Rauch verschoben sämtliche Konzerttermine erst um ein Vierteljahr, sagten die Tour dann schließlich ab, was Charly einiges an Geld kostete.

Wirklich schlimm war aber, dass er sich alleine die Schuld an Lukas Lindes Tod gab, denn Charly hatte ihn ja wieder auf die Bühne treiben wollen, obwohl Luke dies eigentlich so nicht gewollt hatte. Dass seine neue Frau Uschi alles völlig anders sah und Charly immer wieder von dessen Unschuld zu überzeugen versuchte, half ihm dieses Mal nicht wirklich, denn sie kannte ja Luke nicht, wusste nicht, wie sensibel er in solchen Situationen (...)

(...) stand etwa in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 28. April 2006 unter der Überschrift „Nebenbei bemerkt: Leonardo fährt jetzt Cabrio“ zu lesen:

„An der Stadtbahn-Station hängt ein Charly-Davidson-Plakat, seit Wochen schon. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit laufe ich daran vorbei. Manchmal, wenn die Bahn länger braucht, schaue ich es mir an. Es lädt zu einem Konzert Mitte Mai in Stuttgart ein. Davidson lehnt mit dem Rücken vor einer Buswartehalle, blickt sinnierend nach oben, links neben ihm ein Briefkasten und rechts Übervater Bob Dylan. (…) 'Wir leben in Zeiten, da werden selbst Zootiere nach China abgeschoben. Was soll man da den Terroristen, die uns das Dach über dem Kopf anzünden, anderes wünschen als: Guten Flug!', resigniert er. Dabei wird er erst 49 in diesem Jahr.

Früher mal hat Charly Davidson Texte geschrieben, in denen er seine politischen, poetisch-philosophischen und immer auch alleswisserischen Ambitionen charmant und gewandt zum Vortrag brachte. Das macht auf fast beklemmende Weise deutlich, was aus ihm geworden ist. Um zu begreifen, wo er nach seinem jahrelangen Überflug durch die nationale wie international Musikszene heute gelandet ist, nach seiner Hymne auf den Sozialismus, nach seinem elektronischen Gesang für Gott und die Welt, nach Gastspielen in dubiosen Fernsehshows, nach dem vorgetäuschten eigenen Tod, nach seinem gescheiterten Versuch, sich selbst für den Pop-Olymp zu nominieren (…) um also seinen Absturz vom Musik-Literaten zum Banali-täter ermessen zu können, muss man seine frühen Platten kennen und lieben.

Wer textet denn heute noch Lieder mit Sätzen wie 'Die Geschichten der Geschichten / Aus unendlich vielen Schichten / Meines Schädels, sie berichten'? - So gut hat er mal gedichtet, einst, vor 25 Jahren. Heute ist davon bei ihm keine Rede mehr. Schon gar nicht, wenn er auf seinem aktuellen Album Leornardo Cabrio fahren lässt und neben ihm nicht die Mona Lisa sondern eine nicht näher beschriebene Dame namens Jeanette sitzt, die lieber Limousinen mag. Nicht mehr lange, dann wird das Plakat am Stadtbahn-Stadion verschwunden sein - genau wie jener, der früher einmal Charly Davidson war.“
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