Montag, 27. Dezember 2010

B-SEITE / Song 16: Íkaros

„The winner takes it all / The loser has to fall“
(Göran Bror Benny Anderson & Björn Kristian Ulvaeus)

[D minus 5 and counting]: Von Los Christianos, einer Hafenstadt die etwa zweiunddreißig Kilometer von der Insel La Gomera entfernt auf der Nachbarinsel Teneriffa liegt, gehen täglich neun Fähren nach San Sebastián. Von den Fährgesellschaften bietet die „Naviera Armas“ eine Überfahrt von Los Cristianos nach San Sebastián in einer herkömmlichen Fähre an, während Fred Olson seine „Fast Ferries“, also Schnellboote, einsetzt.

Der „Garajonay Expres“-Katamaran wiederum ist ein schnelles, wenn auch kleineres Fährboot, das täglich Reisende sowohl von Los Cristianos nach San Sebastián de La Gomera als auch rund um die Küste von La Go von San Sebastián nach Playa Santiago und zum Valle Gran Rey bringt, in dem Charlys „New Admiral Benbow“ liegt. Den „Garajonay Expres“ nahm Charly um zu seiner Macià zu gelangen. Am Hafen am Valle Gran Rey empfing ihn sein Gärtner und fuhr ihn ins Haupthaus.

Neben seinen Moleskine-Kladden, von denen Charly mir ja eine in dem bekannten braunen Umschlag überlies, führte er auch über sein Compaq Notebook Tagebuch und zwar nicht im Notebook selbst, sondern im Internet über „EeeStorage“. Dieser Webdienst war es auch (...)

(...) weltweite Wirtschaftskrise hatte im Spätherbst 2008 bereits dazu geführt, dass sein Musikimperium-Konstrukt aus den Firmen CBQ und BESTSIDE, deren Unterlabels, Musik- und DVD-Läden, Verlagen etc. massive finanzielle Probleme hatte. Die Finanzierung der STURM-Truppen musste er einstellen; diese gründeten sich unter einem ähnlichen Namen neu und gingen in den Erfurter „Zughafen“ von Rapper Clueso und waren fortan dessen philharmonisches Orchester.

Charly selbst hatte Panikattacken wegen einer Insolvenz und dann möglicherweise auf ihn zukommenden Vorwürfen eines Betruges und entnahm seiner Firma damals kein Geld mehr,. Seine persönlichen Finanzlücken deckte er hauptsächlich durch Verkäufe von Tafelsilber; auch sein Van Gogh Original hat er in dieser Zeit verkauft. Das sollte für ihn, dachte er, wohl reichen bis zum Dezember, der ihm durch die Veröffentlichung von „TOR“ neues, frisches Geld bringen würde. All das war zwar beunruhigend, aber sogar John Lennon und Paul McCartney hatten einmal im April 1968 so große finanzielle Schwierigkeiten durch ihre Firma „Apple“ (...)

(...) erwartete Charly auf La Gomera den 28. November 2008. Immer waren seine Gleitschirmflüge gut ausgegangen, auch wenn Chary hier und da „a nodding acquaintance with Death“ hatte, wie er es ausdrückte, wenn es gefährlich geworden war. Dieses kleine Mal dauerte sein Schwätzchen mit dem Tod aber wahrscheinlich einen Moment zu lang.

[Lift Off, the clock is operating, we're under way]: Überschattet war der 28. November 2008 von den Terror-Anschlägen auf verschiedene Hotels in Mumbai. Alles konzentrierte sich auf die Vorgänge in Indien, als um 18 Uhr diese Eilmeldung bei SPIEGEL-Online kam:

CHARLY DAVIDSON BEI FLUG VOR LA GOMERA ABGESTÜRZT

Verwirrung gab es, weil SPIEGEL-Online schrieb, er wäre mit einem Flugzeug abgestürzt. Auch andere Medien hatten schnell die Meldung vom Flugzeugabsturz übernommen, ohne sie zu verfizieren. Kurz vor Mitternacht veröffentlichte Charlys Management zur Klarstellung dann die folgende Presseerklärung:

Leider müssen wir die jüngsten Meldungen über Charly Davidson bestätigen. Nach den uns bisher vorliegenden Berichten aus La Gomera ist Charly heute am späten Nachmittag mit seinem Gleitschirm (und damit anders als von 'SPIEGEL-Online' vermeldet nicht mit dem Flugzeug) bei dem Versuch, die Insel La Gomera an ihrer Küste zu umrunden, verunglückt. Aus welchen Gründen oder aufgrund welcher Umstände er ins Meer stürzte, ist derzeit reine Spekulation. (...) Wir hoffen mit all seinen Freunden und Fans und setzen all unsere Hoffnung auf die am frühen Morgen weitergehenden Such- und Rettungseinsätze.

Georgia Korff flog sofort nach Tenneriffa und kam am späten Nachmittag des 29. November auf La Gomera an. Doch von ihrem Vater fehlte da, bis auf den Gleitschirm, der inzwischen aus dem Atlantik geborgen worden war, immer noch jede Spur. Zeugen meldeten sich bei den Medien, die gesehen haben wollten, dass der Gleitschirm und sein Pilot wie ein Pfeil ins Wasser gestürzt seien.

„Er tauchte in das Wasser ein und wurde dann von seinem Schirm durch die Meerenge zwischen den Inseln La Gomera und Teneriffa gezogen, regelrecht geschleppt“, wurde ein Mann im spanischen Fernsehen zitiert. „Niemand hat ein Notrufsignal empfangen“, ergänzte ein Marinesprecher am Unglücksort und fügte an „Offenbar ist Davidsons Fluggerät plötzlich steil nach oben gestiegen, bevor er verunglückte.“

Die Suche der spanischen Marine dauerte noch zwei weitere Tage, dann wurde sie aufgegeben. Nun war es allen klar: Charly würde dieses letzte Flugabenteuer wohl kaum überlebt haben. Doch es dauerte noch weitere lange Tage, bis Klarheit herrschte. Am 10. Dezember 2008 wurde sein Leichnam von Fischern aus dem Atlantik geborgen.

„Es handelt sich bei dem geborgenen Toten unzweifelhaft um den vermissten Deutschen“, teilte Juan Velásquez, der örtliche Direktor der Guardia Civil mit. Eine Obduktion solle ergeben, wie er gestorben sei, sagte Velásquez weiter. Die Besatzung des Fischkutters habe den treibenden Körper gegen 12 Uhr im Meer nordwestlich von Tenneriffa entdeckt, berichtete er, stellte dann fest: „Das war viel Glück“.

Davidsons Töchter und seine Eltern hatten bis zuletzt gehofft, ihren Vater oder Sohn nicht zu verlieren. Auch Sabine Korff hatte einen Schock erlitten, als sie die Nachricht vom Unfall erfuhr. Viele Musikfans reagierten verwirrt und ratlos, hofften vielleicht sogar darauf, dass auch dies wieder ein Trick der Rocklegende sein würde, die Öffentlichkeit zu narren.

„Wir hoffen alle auf ein Wunder, dass er von irgendeinem Schiff aufgenommen worden ist und vielleicht ohne Erinnerung oder sogar ohne Bewusstsein irgendwo gepflegt wird“, heißt es in einer Erklärung , welche die Familie damals veröffentlichte. Nun mussten sie, nach der Freigabe des Leichnams durch die Guardia Civil, die Trauerfeier organisieren. Mitten in diese Entwicklung kam die Veröffentlichung von „TOR“ und das Album erreichte sofort Platz 4 in den Charts. (...)

(...) Nachdem seine Familie ursprünglich angekündigt hatte, Davidson zu Beginn des neuen Jahres zu beerdigen, wurde die Urne mit den sterblichen Überresten von Karl David Korff bereits am 30. Dezember 2008 im engsten Familien- und Bekanntenkreis auf dem Jenaer Nordfriedhof beigesetzt. Etwa fünfzehn Familienangehörige und enge Freunde gaben ihm das letzte Geleit. Auch Helmut Prosa, Brian Barqin und meine Person gehörten zu den Trauergästen und ich glaube - in respektvoller Distanz hinter einem Baum versteckt - einen kurzen Moment lang auch einen weißen Bart erspäht zu haben.

Damals schien es, als ob das Leben mit dem Ende des Jahres 2008 einen Schlußstrich unter die Angelegenheit „Karl David Korff, bekannt als: Charly Davidson“ gezogen hätte. Er war künstlerisch belanglos geworden, pleite, tot und dazu noch auf einem „ausgiebigen Radieschen-Studium“ - denkbar schlechte Voraussetzungen also um eine Rocklegende zu werden. Ich habe inzwischen mit Charlys Leben und Sterben meinen Frieden gemacht. Auch werden die Nächte seltener, in denen er mich mit dem Satz
„Du musst erst sterben, damit sie dich leben lassen.“ und seinem typischen Lachen aus dem Schlaf reißt und dann zu singen beginnt

„Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste, yo-ho-ho-heh … und ‘ne Buddel voll Rum!“.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen