
„Mag er auch alles besitzen,
den Luftraum beherrscht Minos nicht.“
(Ovid)
den Luftraum beherrscht Minos nicht.“
(Ovid)
(...) überraschender kam also die Absage, unerwartet zudem, da die „Reizwolf“-Tour mit seiner neuen BEGLEITUNG IV im Grunde recht gut gelaufen war. Charlys neuer Gitarrist Mick „Castermania“ Szutor hatte die Lücke von Helmut Prosa optimal ausgefüllt, war für Charly inzwischen viel mehr geworden als nur der geplante Sideman für Lukas Linde.In einem TAGESSPIEGEL Interview mit Hermann Nettelbeck unter dem Titel „Die Kunst, die Moral und ein Rückzug aus dem Musikgeschäft“, veröffentlicht am 5. August 2007, äußerte sich Charly dann zur Absage der Konzerte, zu seinem inszenierten Tod im Fernsehen und weiterhin gab er Nettelbeck und den TAGESSPIEGEL-Lesern offen Auskunft zu Drogen- und Medikamentenmißbrauch. Es war sein erstes Interview nach Uschis Enttarnung und den Bedingungen, die sie ihm für eine Scheidung gestellt hatte und man ahnt, dass Nettelbeck das Glück hatte, einem Künstler wie Charly im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen; etwas von dem jeder Journalist nur zu träumen wagt. Hier sind einige Auszüge aus dem Interview.
»HN: Warum haben Sie alle weiteren Konzerte abgesagt. Einige waren doch bereits ausverkauft?
ChD: Ich bin derzeit unfähig, Konzerte zu geben. Körperlich wie mental. Das ist ein ehrliches Bekenntnis und einfach zu erklären. Zum einen habe ich große Probleme mit meinem rechten Schultergelenk. Ich bin hier in professionellen Händen, aber wenn du nicht mal mehr mit dem Arm eine Akustikgitarre umfassen kannst, dann ist es dir nicht möglich, den Fans das Beste zu geben. Zum anderen fehlt mir seit einiger Zeit eine gewisse Grundprofessionalität für die großen Bühnenauftritte. Punkt neun vor die Scheinwerfer zu treten, nur weil 1000 oder 2000 Leute Eintritt bezahlt haben, das führt zu einer gewissen Trostlosigkeit, wenn einem die Motivation zum Rock 'n' Roll fehlt.
'Motivation zum Rock 'n' Roll fehlt' ... habe ich Sie da richtig verstanden? Was ist mit dem Druck: „Heute Abend muss ich auf die Bühne, wenigsten der Fans wegen, die dafür Eintritt bezahlt haben.“Neulich habe ich einen Aufkleber auf einem VW Golf gelesen: "Autowaschen ist kein Rock 'n' Roll". Stimmt! Und halbherzig und halbfit vor sein Publikum zu treten ebenfalls nicht. Die berechtigten Erwartungen der Fans würden mich zum Vorgaukeln einer Stimmung zwingen, die nicht wahrhaftig ist. (...) Bei den vergangenen Touren konnte ich Auftritte nur mit Hilfsmitteln vollbringen. Ich erzeugte so meine Stimmung künstlich.
Mit Drogen?
Mit Drogen habe ich so meine Erfahrungen gemacht, das ist richtig. Aber das meine ich hier nicht. Ich bin vor Jahren eher durch Zufall darauf gekommen, dass bei mir die Einnahme einer bestimmten Schmerztablette, wenn ich überhaupt gar keine Schmerzen habe, eine Art Befreiung auslöst, die etwa die Zeit des Konzertes andauert. Genau das war es, was ich auf meinen letzten Touren brauchte und das war ein unfassbarer Selbstbetrug. Mehrere Jahre habe ich dieses Konstrukt für meine Auftritte benutzt. Dies obwohl ich ein viertel Jahrhundert davor einen Song über genau diese Situation geschrieben hatte. So konnte das nicht weitergehen.
War das der wahre Grund, jetzt mit Livekonzerten aufzuhören?
Ja und nein. Ich muß das jetzt mal relativieren. Die Konzerte zu Beginn der „Reizwolf“-Tour habe ich bereits ohne Tabletten absolviert, aber ich musste festgestellen: es war nicht dasselbe wie in früheren Jahren. Deshalb aber wieder die beschriebenen Schmerztabletten einzunehmen, anzunehmen, war für mich keine Option, denn früher gab es auch schon mal Entzugserscheinungen, wenn das Zeug nicht mehr richtig wirkte. Beim Rasieren habe ich mir da schon mal gleich noch die Hälfte meines Kopfhaares mit entfernt. Sie erinnern sich? Die Wandlung von Saulus zum Paulus; erst Waldschrat und dann Glatzkopf. Meine Fans feierten diese Einlagen immer als eine Art Metapher und doch war es bitterer Ernst. Also war es höchste Zeit, meine Abhängigkeit von der Firma Merckle Ratiopharm zu beenden. Auch wenn mir das gerade wegen meiner S.T.U.R.M.-Truppen wirklich weh getan hat.
(...) Kurz vor der Veröffentlichung Ihres Albums „BEGRÄBNIS“ vor fünf Jahren haben Sie eine Fernsehsendung produziert, die ihren eigenen Tod verkündete. Was war der Grund hierfür? Bisher haben Sie darüber kaum gesprochen.
Mein Albumtenor ist ja: „Du musst erst sterben, damit sie dich leben lassen.“ Darum geht und ging es in der Album-Trilogie. Ich wollte hier das Ende des Messias in modernen Form umsetzen als so eine Art "Nah-Ost Side Story". Was mich persönlich angeht, na, da wollte ich den Ruhm, der mir zusteht nicht erst in des Totenmanns Kiste auskosten. Also habe ich mit Freunden einen Film über mich gedreht, der ohne Vorwarnung in Alexander Kluges Abendprogramm bei RTL eingeschoben wurde.
Erfahrungen, wie so etwas ankommen kann, hatten wir ja schon mit der Doku "Alles Anders" gesammelt. Plötzlich tauchte eine Fernsehansagerin auf und verlas die Mitteilung, der als Charly Davidson bekannte Karl David Korff sei verstorben und man ändere ihm zu Ehren das Programm für einen Nachruf. Im Grunde ein Scherz, denn meine Familie, meine Freunde waren allesamt eingeweiht. Die Reaktionen hierauf aber waren auch für meine Vorstellungen unfassbar. Fernsehteams versuchten so schnell wie möglich in die Berge zu kommen, wo ich beim Paragliding abgestürzt sein sollte. Meine schlimmsten Feinde sagten im TV, wie sehr sie mein Tod erschüttert habe. Hunderte Fans pilgerten zu meinem Haus. (...) Also das war ein Skandal! Die BILD-Zeitung erklärte mich zum meist gehassten Deutschen, weil ich die Pietät von Toten verhöhnt hätte. Sogar Alexander Kluges Sendeplatz bei RTL sollte ihm abgenommen werden. In diesem Moment war ich ein wirklicher Künstler.«
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