
„Die Frau im Fernsehen sagt
»Gute Nacht dankeschön
fürs Zuschaun und auf Wiedersehn« -
ob sie ne Ahnung hat,
die gute Frau da im Fernsehstudio,
wie hier die Aktien stehn?”
(Stefean Stoppok)
„The sky above the port was the color of television,
tuned to a dead channel.”
(William Gibson)
Nachdem er den Bochumer Stadionring entlang gelaufen und zurück in seiner Suite angekommen war, setzte sich Charly in den Sessel am Schreibtisch und trank nach und nach drei doppelte Whisky mit Cola, die er sich aus dem Inhalt der Mini-Bar unter dem Fernseher gemixt hatte. Während der Alkohol»Gute Nacht dankeschön
fürs Zuschaun und auf Wiedersehn« -
ob sie ne Ahnung hat,
die gute Frau da im Fernsehstudio,
wie hier die Aktien stehn?”
(Stefean Stoppok)
„The sky above the port was the color of television,
tuned to a dead channel.”
(William Gibson)
langsam zu wirken begann, verdrängte er die Idee aus seinem Kopf, sich ohne Gleitschirm vom Hoteldach fallen zu lassen. Schlafen konnte er in dieser Nacht nicht und ging, als Jürgen schon schnarchte, doch noch bis auf das Dach des Hotels, ließ den Wind durch seine Haare streichen, überlegte hin und überlegte her, setzte einmal zum Sprung an, ging dann aber, als sich der in dieser Nacht bibelschwarze Sternenhimmel vom bevorstehenden Sonnenaufgang bereits leicht zu erhellen begann, unverrichteter Dinge wieder in die Hotelsuite zurück. Nein, dachte Charly, so leicht wollte er es Uschi nicht machen. (...)(...) hatte während der endlosen Nacht und der gesamten Rückfahrt hin und her überlegt, wann er Uschi ansprechen und vor allem, wie er mit ihr über all das reden sollte, was er erfahren hatte. Er fand, dass genau jetzt ein guter Zeitpunkt dafür war.
„Ach“, begann er und sah Uschi dabei groß in ihre Augen „es hat mir wieder mal jemand etwas über Deine Vergangenheit erzählt.“
Charly glaubte zu bemerken, wie Uschi einen winzigen Moment nachdachte. Wahrscheinlich erwog sie die Möglichkeit, dass ihm jemand im Archiv der Arbeiterjugend etwas erzählt haben könnte. Sicherlich hatte auch sie sich für einen Tag X gut vorbereitet, schien aber im Moment nicht davon auszugehen, dass dieser Tag gerade eben begonnen haben könnte. In diesem winzigen Moment schien sie abzuwägen, was er in Erckenschwick hätte erfahren können. Und Charly ahnte ihr Ergebnis: 'höchstens etwas Neues über meine FDJ-Zeit'. Uschi lächelte und wackelte ein wenig mit ihrem Kopf, so wie es ihre Eigenheit war.
„Das Thema hatten wir doch schon so oft, mein Schatz“, sagte sie sanft. „Seit ich mit Dir zusammen bin, erzählen Leute, dass mit mir dies und das und jenes nicht stimmen würde, aber noch nie konnte irgend jemand seine Lügen über mein Leben belegen ... was ja auch überhaupt nicht geht, weil, wie immer bei Lügen, alles frei erfunden ist.“ Nun lächelte sie noch mehr und strich Charly mütterlich übers lichte Haupt um ihm dann den Rücken zuzudrehen und zum zum Herd zurückzugehen. „Es gibt Putenschnitzel mit Champignons und Salat, das magst Du doch so“, rief sie ihm zu. Ein günstiger Moment, dachte Charly, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Er zündete seine V2.
„Weshalb hast Du Deinen ersten Mann damals eigentlich verlassen?“ fragte er sie und sagte dann, genau in dem Moment, als Uschi sich umdrehte und ihm antworten wollte, „Wusste er da schon, dass Du als ARIEL für die Stasi gearbeitet hast?“ - Uschi blieb inmitten der Drehung wie versteinert stehen, wirkte aus der Fassung gebracht, angeschlagen. Charly sah, dass die Rakete ihr Ziel getroffen hatte. Uschi war im Moment sprachlos. Wahrscheinlich fragt sie sich jetzt, wer um alles in der Welt ihm das gesagt haben konnte. Jetzt waren schon einige Momente vergangen und Uschi sprach noch immer nichts. Sie drehte sich aber von Charly weg, offenbar, damit er nicht weiter in ihrem Gesicht lesen konnte, nahm ein Geschirrtuch und begann Teller abzutrocknen. Ganz offensichtlich versuchte sie Zeit zu gewinnen, musste ihre Taktik erst finden.„Wer hat Dir denn so etwas erzählt?“ fragte sie Charly schließlich, ohne ihn jedoch dabei anzusehen. Ja, meine Liebe, dachte Charly, genau das ist die Frage, die dich bewegt. Noch ehe er zuende gedacht hatte, griff sie aber seine Frage auf. „Mein Ex-Mann? DER war bei der Stasi. Nicht ich. Das weißt Du doch.“ Sie sprach mit kurzen, halb abgehackten Sätzen und schien nicht begriffen zu haben, dass das Ganze so einfach nicht mehr war.
„Hat Dir Deine Stasi-Ausbildung geholfen, alles über mich herauszufinden, bevor Du mich in Suhl angesprochen hast?“
Nun drehte sich Uschi abrupt zu ihm um. Wütend sah sie aus und wackelte mit dem Kopf. „Ach, Gunnar Wolgast war es. Hätte ich mir doch denken können. Jetzt hört sich doch alles auf. Weißt Du, Du erinnerst mich immer mehr an meinen zweiten Mann, ich stelle da schon seit gewisser Zeit einige Parallelen fest“, rief sie Charly zu, offensichtlich immer noch nicht mit der Möglichkeit rechnend, dass seine zweite Rakete abschussbereit in ihre Richtung zeigte. Und deren Start hatte er gerade freigegeben.„Wieso?“, fragte Charly ARIEL mit der Stimme des Lammes, das würdiger noch erachtet wurde als Mensch oder Engel, das mit sieben Siegeln verschlossene Buch zu öffnen. „Habe ich jetzt seit neuestem auch eine Detektei und ...“ - Nun fuhr ihm Uschi ins Wort.
„Ich will Dir mal was sagen, mein Lieber. Du hast mich doch gefickt und alles“, schrie sie ihn an, „was willst Du also überhaupt? Du hast doch Deine Sabine betrogen, nicht ich.“ Frau Prof. Dr. phil. Ursula Maus, die Kommunikationsexpertin, die ihrem Schatz gerade Putenschnitzel mit Champignons und Salat zubereitet hatte, nun aber unvermittelt an ihrem Lebensabgrund stand, am Ende ihres infamen Spiels angekommen war, wurde zu einer Furie.
„Gut, ich habe meinen Mann mit Dir betrogen, aber das ist meine ganz persönliche Angelegenheit. Die habe ich inzwischen sauber und ordentlich geregelt. Also noch mal: was willst Du überhaupt mit Deinen Vorhaltungen mir gegenüber zu Joachim und Rudolf? Um wen geht es Dir dabei? Um mich oder um Dich? ICH bin Deine Frau, schon vergessen? Kein Müllmann! Trotzdem lädst Du immer Deinen ganzen Müll bei mir ab. Neulich war ich beim Arzt, weil ich Angst hatte ernsthaft krank zu sein. Der hat mir Blut abgezapft und eine Hautprobe genommen. Aber Du hast davon überhaupt nichts bemerkt, Du ignoranter Arsch. Und was habe ich in unserer Zeit schon alles für Dich getan? Ja, bin ich denn kein Mensch? Hab ich nicht auch einen Anspruch auf mein kleines bisschen Glück im Leben?“.
Charly wusste nicht, ob das, was ARIEL gerade vollführte, antrainiert war und professionell abgespielt wurde oder authentisch aus ihrem Mund (...)
(...) „Wie es weitergehen soll? Wie das mit uns beiden weitergehen soll?“ Uschi wackelte mit dem Kopf und lenkte Charly davon ab, dass sie nun das Steuerpult übernommen hatte. „Wie es mit Dir und mir weitergeht, das will ich Dir sagen mein Lieber. Wenn Du eine Scheidung willst, die kannst Du kriegen
... allerdings zu meinen Bedingungen. Die wären: 1.) Wir trennen uns und zwar in einer Art und Weise, die für alle in unserem Umfeld logisch und nachvollziehbar ist. 2.) Bis dahin sind wir für alle weiterhin der Rockstar und seine Frau, das Erfolgsduo mit der gemeinsamen Firma. Und 3.) solltest Du es nicht einmal wagen, daran zu denken, dass die Sache anders laufen könnte.“ Sie schaute Charly triumphierend an.Doch schon in der nächsten Sekunde änderte sich ihre Gemütslage wieder. Diesmal brach Uschi in Tränen aus, drückte sich an ihn und heulte wie ein Schloßhund. Das musste eine subtile Art der Gehirnwäsche sein, dachte Charly, gelernt ist eben gelernt, und das was sie kann, das kann sie gut, und er roch dabei ihre Tränen. Der Geruch von verdampfenden Tränen auf aufgewühlter Haut erinnerte ihn an die Szene, die sie ihm wegen Gunnar Wolgast vorgespielt hatte, zu einer Zeit, als sich Charly mit ihr noch glücklich glaubte.
Wenn Uschi es von ihm damals verlangt hätte, dann hätte er Wolgast den Garaus gemacht mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung gestanden hatten. Aber ihr schien wohl das Risiko zu hoch gewesen zu sein, dass dadurch alles ans Tageslicht gekommen wäre. Uschi schaltete damals Anwälte ein, um Wolgast einzuschüchtern, lies Unterlassungsklagen formulieren, verklagte ihn auf Schdensersatz wegen Fotos von ihr, die er beim Ostseeradio ins Netz gestellt hatte und der gab schließlich Ruhe, weil er die in den Raum gestellten Summen finanziell nicht tragen konnte. Auch das hatte van Gaalen festgestellt.
Erst jetzt begriff Charly, wie nah er der Wahrheit damals gekommen war. Weshalb sollte er also nun mit der Scheidung von Uschi warten? Als ein letzter Triumph Uschis über ihn? - 'Wenn Du eine Scheidung willst, die kannst Du kriegen, allerdings zu meinen Bedingungen' ... nein, dachte Charly (...)
(...) ihre Raketen hatten ins Schwarze getroffen, hatten sein Bollwerk zerstört, keine einzige war während des Fluges explodiert. Ob ihre Tränen gefälscht waren - wer konnte das im Moment sagen? Aber eines wusste Charly Davidson ganz genau: ihre Worte waren es nicht. Das mit der „Lebensversicherung“ stimmte und passte auf einmal beängstigend präzise. Vor allem, wenn er darüber nachdachte, was Uschi über ihn und seine Geschäfte wusste, über seine sexuellen Vorlieben bis hin zum Naseboren, über die finanziellen Verhältnisse und Steuersparprojekte. Über all das besaß Uschi die Vollmacht und er hatte sie ihr absolut freiwillig gegeben. Keine Frage: Seine Scheidung würde er kriegen, allerdings zu ihren Bedingungen.
Charly hatte plötzlich nur noch diesen Song in seinem Kopf ...
„And then the alien anthropologists
Admitted they were still perplexed
But on eliminating every other reason
For our sad demise
They logged the only explanation left
This species has amused itself to death
No tears to cry no feelings left
This species has amused itself to death“.
Admitted they were still perplexed
But on eliminating every other reason
For our sad demise
They logged the only explanation left
This species has amused itself to death
No tears to cry no feelings left
This species has amused itself to death“.
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