Montag, 6. Dezember 2010

B-SEITE / Song 10: The Times, They Are A-Changin'

„Oh, but if I had the stars from the darkest night
And the diamonds from the deepest ocean
I'd forsake them all for your sweet kiss
For that's all I'm wishin' to be ownin'.“
(Bob Dylan)

„Wir mögen die Welt kennenlernen wie wir wollen:
Sie wird immer eine Tag- und eine Nachtseite behalten.“
(Johann Wolfgang von Goethe)


„The Times They Are a-Changin'“ ist der Titel des dritten Studioalbums von Bob Dylan, das zur gleichen Zeit erschien, als Charlys Familie mit ihm von Wales nach Deutschland zog. Diesem Album widmete er in seinem bisher unveröffentlichtem Buch „Musik“ ein ganzes Kapitel, schrieb, was es ihm bedeutet und weshalb ihm gelegentlich Tränen in die Augen kamen, wenn er einzelne Lieder daraus sang. Charly mochte „The Times ...“ auch deshalb, weil er von Anfang an verstanden hatte, dass es nicht einfach nur meint, dass „die Zeiten“ sich stetig ändern, sondern dass dieser Fakt ein Gefühl ist, das jeder Mensch in sich trägt, wenn es „an der Zeit“ ist, instinktiv. Er selbst schieb darüber seinen berühmten Text „Blueshändler“ und im Frühjahr 2006 war es bei Charly soweit.

Charlys Depressionen wurden im Frühjahr 2006 so bestimmend für sein Leben, dass er keine Musik mehr machen wollte und konnte. Brain One besuchte ihn ein paar Mal, spielte ihm neue Songs vor, versuchte so, Charly ins 'normale' Leben zurückführen. Seine Kinder kamen ebenfalls regelmäßig vorbei, um ihren Vater aufzumuntern, aber es half einfach nichts. Charly war überzeugt davon, Lukas auf dem Gewissen zu haben, war (...)

(...) fuhr er dann aus einer Laune heraus zur Leipzig Arena, parkte hinter der Halle und dachte an dem Abend zurück, vor etwas mehr als drei Jahren, als er genau hier von Bob Dylan 'sein' Autogramm bekam. Es war der Abend des 22. Oktobers 2003 und Bob hatte wieder einmal das volle Programm gespielt. “Just Like Tom Thumb´s Blues”, “It´s Alright, Ma”, “Highway 61 Revisited”, sogar den “Tambourine Man” und “Stuck Inside Of Mobile”.

Bei der ersten Zugabe “Like A Rolling Stone” verdrückte sich Charly jedoch aus der Halle und ging zielstrebig zum Parkplatz. Dort wartete, neben einem großen Bus, bereits ein Fan, der sich mit einem Security-Mann stritt. „No. This is not Mr. Dylans Bus“, sagte der. „Mr. Dylan is leaving in black Limousine …“, und zwar am anderen Ausgang. Klar, dachte Charly, während Bob in der Halle „All Along The Watchtower“ spielte und der Fan ohne nachzudenken blitzschnell in Richtung des anderen Ausgangs rannte. Der glaubte doch tatsächlich, dass ihm der Security-Mann auch noch detailliert Bobs Limousine beschreibt. Wie naiv Menschen doch sein können.

Und tatsächlich. Nur wenig später, unmittelbar nach dem „Watchtower“-Ende, ging die Tür der Halle auf und zwei Männer kamen auf Charly zu, der immer noch in der Nähe des Busses wartete. Vorneweg einer, der aussah wie ein klassischer Hollywood-Bodyguard, der andere war eine kleine, schmächtige Person im Kapuzen-Sweatshirt. Auf die ging Charly zu und sagte „Mr. Dylan, can I get your Autograph“.

Der Bodyguard war überrascht, die kleine Gestalt ebenfalls, wahrscheinlich mehr über das Versagen seines Schutzengels als über die Bitte an sich, denn sie nahm den von Charly dargereichten gelben Edding-Stift und kritzelte im Laufen etwas auf das „Before The Flood“-Album, das Charly ihr entgegen hielt. Dann verschwanden beide im Bus, der Security-Mann schob Charly beiseite und (...)

(...) Uschi sah ihren Mann aus den Augenwinkeln an, wackelte dann aber verständnislos mit dem Kopf. „Selbst dran Schuld“, sagte sie. Charly zahlte die geforderten knapp zwanzig Euro, sprach beim Hinausgehen aber laut: „Ich werde dieses Cafe nie wieder besuchen.“

„Was willst Du denn“ sagte Uschi anschließend zu ihm, als sie zum Auto gingen. „Das ist eben ein umsatzorientiertes Haus geworden in dem die Studentinnen eben auch etwas verdienen wollen. Hast Du eigentlich Trinkgeld gegeben?“ Hatte er nicht, aber Charly schwieg. Auf ein „Ja“ würde sie ihm bestimmt vorhalten, wie dumm er gewesen war, für Selbstbedienung auch noch Trinkgeld zu geben und bei einem „Nein“ hätte sie alle Gründe gehabt, ihm vorzuhalten, weshalb er kein Trinkgeld gegeben habe.

Charly entschied sich also dafür, dass er Uschi auf ihre Frage nicht antworten würde. Die sagte auch nichts und so fuhren beide im 500er über Leipzig-Süd auf die A 9 und von dort zurück Richtung Thüringen. Um kurz vor sechs Uhr waren beide wieder zurück in Jena. Charly ging gleich in sein Studio, Uschi in ihr Büro. An diesem Abend schliefen beide nicht miteinander. Genau wie die Abende zuvor und danach.

Vielleicht hätte er doch einen Ehevertrag abschließen sollen, dachte Charly am Morgen danach. Beide hatten sich nach reichlichem Hin- und Her-Überlegen dagegen entschieden, dafür hatte er Uschi aber die Kontrolle über die gesamten Finanzdinge gegeben. Obwohl - im Grunde war es ja von ihr ausgegangen. „Du machst das doch sowieso nicht so gerne“, hatte sie ihm gesagt und er hatte ihr natürlich zugestimmt. So wie immer.

Seitdem waren aber mehrere Dinge mit seinen Konten vorgegangen, die sich inzwischen für ihn alleine mit „...dem Chaos, das uns Deine Ex-Frau hinterlassen hat“, wie Uschi es ausdrückte, nicht erschöpfend erklären ließen. Um Streß und Ärger aus dem Weg zu gehen, hatte Charly es aber vermieden, seine Fraudanach zu fragen. Uschi hatte zum Beispiel für ihn mehrere Firmen neu gegründet, erklärte ihm gelegentlich auch, warum und weshalb die eine oder die andere Transaktion notwendig sei und es hörte sich stets gut an, doch das Gefühl, dass zwischen beiden irgend etwas anders geworden zu sein schien, als zu Beginn der Beziehung, ließ Charly nicht los; ja, ja, 'The Times They Are A-...' summte er.

Klar, wusste Charly, wahre Liebe gibt es vielleicht schon, aber sie bedeutet nichts. Irgendwann einmal kommen alle Eheleute im Ehealltag an, in der Ehealltäglichkeit. Aber was gab es dann zwischen Ehepartnern? Wie sagte er es immer so schön: Loyalität ist kein guter Ersatz für Liebe - es ist der Beste. Und was war aus seiner Selbstverpflichtung geworden, nach der Zeit mit Sabine bewusster zu leben? Charly nickte, denn ihm wurde klar, dass er ab jetzt genauer wissen wollte, was um ihn herum vorging.

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