Du fehlst mir so sehr / Ich flieg zwischen Welten hin und her.“
(Annette Humpe)
Ursula Maus und Charly Davidson trafen sich am 5. September 2000 im Dessauer Restaurant „Lotusgarten“, aßen dort Kanton-Ente mit Orangensauce,
übernachteten danach im Hotel „Zum kleinen Prinzen“ und machten sich am nächsten Morgen gemeinsam auf, um Uschis Geburtshaus zu suchen. Der Grund für diesen Trip in Uschis Kindheit waren, wie sie Charly sagte, Erlebnisse in frühen Lebensjahren mit ihrem Siefvater - den leiblichen hatte sie nie persönlich kennen gelernt -, die zu einer Blockade in ihrem sensiblen Gemüt geführt hatten: Ursula Maus konnte sich an bestimmte Dinge ihrer Kindheit einfach nicht mehr erinnern, so sehr sie sich auch darum bemühte. Und den Ort ihrer Kindheit in Dessau hatte sie später niemals mehr (...)(...) in seinem Tagebuch hatte Charly vermerkt, dass Uschi den Müggelsee liebte, wie kein anderes Gewässer. „Er macht mir den Kopf frei für neue Aufgaben, gerade so wie Ariel“, hatte Charly als Zitat Uschis dazu notiert. Ariel, das ist der windige Luftgeist aus dem „Sturm“, Shakespeares Spätwerk (für das Charly später eine Adaption für das Theaterhaus Jena schrieb) und Uschis erster Kontakt mit dem Weltenmeister des Theaters, damals zu ihrer Schulzeit in Berlin. In Ariel hatte sie sich, nach eigenem Bekunden, sofort verliebt, da sie ihn als erträglichen Gesellen einschätzte. Erst Charly erzählte ihr, dass er wohl doch ein durchtriebener Kerl war.
Einst in einen Fichtenspalt festgeklemmt, hatte Prospero ihn befreit und er musste fortan dessen Diener sein. Ariel konnte sich in alles und jeden verwandeln und war zudem auch ein Meister der Musik, konnte Leute einschläfern, verdummen, verwildern, verzaubern. Prospero selbst schimpft ihn im „Sturm“ oft als bos- und lügenhaft, also durchaus menschlich. Am Ende erhält er die Freiheit und macht sich mit Fledermausflügeln daran, ewig dem Sommer nachzureisen. „Dort schlaf ich, wenn die Eule schreyt. Ich flieg', in steter Munterkeit, fern von des Winters Ungemach dem angenehmen Sommer nach“. Ariel und „Der Sturm“ sind wohl auch die Gründe für Charly, Uschi und sich als „Wind-Erkunder“ zu bezeichnen.Also hatten beide in Dessau neben dem Bauhaus auch Uschis Geburtshaus gefunden und damit die Erinnerungen an die Vergangenheit von Ursula Maus, geborene Lutzschke. Und beide hatten dabei ihre gemeinsame Zukunft entdeckt, hatten sich auf einen nicht ungefährlichen Spaziergang in die Schwerelosigkeit begeben, wie aus Uschis anschließender E-Mail an Charly unschwer zu erkennen ist.
Von: ursula-maus@tkun.de / An: kulturecho@aol.com
Betreff: Weltraumausflug / Datum: Mittwoch, der 06. September 2000 - 18:15:11
Charly, mein uraltes Ego,
ich habe die Stunden der Rückfahrt nach Berlin als betäubend empfunden; andererseits stellten sie auch eine Dekompressionsphase dar (...gerade und insbesondere für Weltraumfahrer). In so weit war doch unser erster Weltraumspaziergang gar nicht so ohne, obwohl er ja ohne war. Was ich Dir schreiben kann ist, daß ich seit gestern Nachmittag trotz meiner strengen Disziplinarmaßnahmen nur an einen einzigen Menschen denke. Und das bei meinem Geburtsfehler!!!
Zu meinem Disziplinverständnis gehört aber auch: Niemals wegrennen und alles stehen und liegen lassen. Entweder wird etwas ordentlich zu Ende gebracht und dann kann ich weitergehen, oder ich bleibe da und räume auf. Ich könnte mich sonst nicht mehr im Spiegel ansehen! Verstehst Du? Diese Selbstdisziplin ist für mich ein Prinzip und gilt auch für Weltraumausflüge!Noch mal zu meinem Grundproblem: Du selbst hast eine Platte über ‚Das kleine Mal‘ gemacht, und sie hat mich an etwas erinnert. Du bist 'ich' genug um das Beste aus dem zu machen, was uns wiederfahren ist. Für den Moment habe ich genug Schaden angerichtet. Für den Moment, mein Lieber.
Ursula von Mausitanien (die Konsequente und Vorausschauende!)
Charly muss sie danach sofort und sicherlich besorgt nach dem „Geburtsfehler“ gefragt haben, von welchem Uschi ihm zuvor noch nichts berichtet hatte: ChD vielleicht? - „Congenital Heart Disease“? Seine E-Mail an Uschi ist zwar nicht mehr vorhanden - sie allerdings antwortete ihrem Charly prompt und mit den folgenden zehn Worten:
Von: ursula-maus@tkun.de / An: kulturecho@aol.com
Betreff: Weltraumausflugsantwort / Datum: Donnerstag, der 7. September 2000 - 15:12:38
Mein Geburtsfehler ist: Ich kann immer nur einen Mann lieben.
(...) wohnte in Friedrichshagen nahe dem Müggelsee in einem ellenlangen Plattenbau und Charlys Besuch bei ihr schien für Uschis Familie ein großer Moment zu sein. Rudolf Maus begrüßte Sabine und Charly überschwenglich, Tochter Doreen war aufmerksam und nett, Uschis Söhne aus erster Ehe, Raik und Torsten, erzählten brav von ihren Jobs bei SIEMENS und SONY und Karli musste allen auf dem familieneigenen CASIO-Keyboard etwas vorspielen, wobei er die Qualität der CASIO-Keyboards im Allgemeinen lobte, was Uschis Mann nur bestätigen konnte. Anschließend erzählte der von seiner Arbeit für die PDS im Berliner Abgeordnetenhaus, was Charly durchaus interessierte.
Der Besuch lief ohne besondere Vorkommnisse ab, abgesehen von einem weiteren enorm festen Händedruck Uschis für Charly, von dem aber erneut niemand Außenstehender etwas mitbekam. Allerdings meinte Sabine bei der Heimfahrt, dass „Frau Ursula Maus“ sie ein- oder zweimal merkwürdig angeschaut habe und mit ihrem Mann würde auch etwas nicht stimmen, denn Rudolf Maus haben ihr in einem Nebensatz erzählt, dass Uschi und er einmal kurze Zeit getrennt gewesen wären, sich dann alles aber wieder eingerenkt habe.
„So etwas erzählt man doch nicht Fremden“, sagte Sabine zu Charly, aber der meinte nur, das dies doch zeige, wie sehr sie, Sabine, unrecht gehabt hätte, als sie Ursula Maus andere Ziele unterstellt habe, als die Förderung seiner Kommunikation und die Heilung seiner Psyche. „Jetzt geht’s aber los,“ entgegnete Sabine daraufhin.
„Ich habe noch nie eine psychologische Trainerin erlebt, die im 5. Stock eines Plattenbaus lebt und arbeitet, der vierzehn Hauseingänge hat. Vierzehn, so etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Diese Kommunikationsberaten und Coachingexperten verdienen doch normalerweise alle genug Geld, um sich eine Doppelhaushälfte zu kaufen oder meinetwegen zu mieten. Das macht was her bei ihren Kunden.“ Charly konzentrierte sich ganz auf die YES-CD, die er ins Autoradio eingelegt hatte. „Heart Of The Sunrise“, dachte er, ist in der Tat ein großartiger Song. Doch Sabine war noch nicht (...)(...) Skandal, den er mit seinem fingierten Tod auslöste, äußerte sich Charly erstmals 2007:
„Ich wollte den Ruhm, der mir zusteht nicht erst in des Totenmanns Kiste während meines Radieschen-Studiums auskosten. (...) Die Reaktionen aber waren auch für meine Vorstellungen unfassbar. Fernsehteams versuchten so schnell wie möglich in die Berge zu kommen. Meine schlimmsten Feinde sagten im TV, wie sehr sie mein Tod erschüttert habe. Es gab Tumulte um die Frage, ob mir ein Ehrengrab in meinem Heimatort oder in meiner derzeitigen Heimat zustände. Hunderte Fans pilgerten zu meinem Haus. Sogar Devotionalien wurden schnell gefertigt und angeboten: Charly Davidson am Paraglider, wie an einem Kreuz“.
Was war geschehen? Endemann und Davidson hatte nicht weniger als achtundzwanzig Ansagerinnen gecastet, um diejenige zu finden, die die fingierte Nachricht am authentischsten verlesen konnte. Ähnlich wie bei der Lounge-Musik-Sache kam es nun nur noch darauf an, die Nachricht als Top-Meldung in den Medien zu platzieren, wozu man eine halbe Stunde vor der Sendung eine Erklärung von Charlys Management zu dessen Tod verschickte und die als Nachruf getarnte Sendung erledigte den Rest. (...)
(...) TELEFONBAU & NORMALZEIT wurde 1899 als Deutsche Privat Telephon Gesellschaft H. Fuld & Co gegründet und in den 30er-Jahren arisiert, trug danach den neuen Namen, wurde in den 80er-Jahren in BOSCH TELENORMA umbenannt, schließlich an den amerikanischen Konzern AVAYA Inc. verkauft und in TENOVIS umgetauft; ein Kind der Globalisierung, das es einfach nicht schaffte, seine Namensentwicklung in die Köpfe der unmittelbaren Nachbarn zu transportieren, denn die T&N-Fabrik lag seit ihrer Gründung nur drei Ecken von der Herxheimerstraße entfernt.
Nach Lukas brauchte Charly, der sich gestern noch überlegt hatte, in welcher Abteilung des High-Tech-Konzerns sein musikalischer Ex-Partner wohl arbeiten könnte, übrigens nicht lange zu suchen. Schon als er auf das Gebäude zukam, sah er von weitem eine Gestalt, die sein Interesse weckte. Ein Mann in einem blauen Kittel stand vor dem Werkstor und sortierte Metallbleche auf einem Schubwagen. Dieser Mann hatte ungefähr die Größe von Lukas.
Älter zwar, als der Lukas, den Charly kannte, dicker, ja gar nicht mehr so hager und die lockigen Haare waren einer Glatze gewichen, aber von den Bewegungen her, wusste Charly, dass diese gestalt nur dieser eine MAnn sein konnte, wegen dem er die heutige Reise gemacht hatte. Charly ging auf ihn zu und rief: „Hallo“.Die Figur reagierte nicht direkt auf seinen Zuruf, hielt aber in ihrer Tätigkeit inne. Dann drehte sie sich langsam um und schaute Charly an. Es war tatsächlich Lukas. Charly konnte aber an seinen Augen sehen, dass in ihnen kein Feuer mehr war. Die schwarzfunkelten Sterne, die die Fans einst so elektrisiert hatten, waren erloschen.
Luke betrachtete Charly immer noch und sagte kein Wort zu ihm. Dann, nach einem Moment, der Charly wie eine Ewigkeit vorkam, lief endlich ein leichtes Lächeln über das Gesicht seines frühern Freundes.

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