[PRESSEMELDUNG] Am 21.07.2000 heißt es im MDR wieder Live aus Leipzig: „Deutsch, Deutscher, Dialog“ „Es ist alles so schön bunt hier“, stellte einst Nina Hagen fest. Seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten vor bald zehn Jahren regt sich hierzulande kaum noch musikalischer Protest. Hatte man im Osten früher musikalisch gegen den eigenen Staat rebelliert oder sich im Westen mit musikalischen Mitteln gegen die verschiedenen Modelle des Kapitalismus gewehrt, stehen im neuen Deutschland die protestierenden Musiker offenbar im Abseits. Meckern ist nicht mehr angesagt. Der neue Wohlstand unter dem Hut einer sog. „freien“ und „sozialen“ Marktwirtschaft treibt die Bürger an, die Verlockungen der 30 TV-Programme unserer Spaß-Gesellschaft fördern wie ein Sedativum eine Ruhe, die beunruhigend ist.
Ist nun wirklich alles so toll und können sich die Künstler mit ruhiger Hand den wirklich wichtigen Dingen der Gesellschaft widmen, oder herrscht derzeit nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm? Manfred Geißler und Bernd Wagenbach gehen diesen Fragen mit Gästen aus Ost und West nach, als da sind: Peter Kuczora (Sänger und Autor des Ostens), Charly Davidson (Sänger und Autor aus dem Westen, der seit neun Jahren im Osten Deutschlands lebt) und Klaus Bergmann (Sänger und Autor des Westens).
Der MDR hatte Charly Davidson unmittelbar nach den drei EXPO-Sommer-Konzerten zur Nachwendediskussion ins Fernsehen eingeladen. Charly hatte es Sabine jedoch erst am Abend zuvor, während des Nina Hagen Konzertes bei der „Kulturarena“ in Jena, gesagt und sie auch gefragt, ob sie mit nach Leipzig kommen wolle. Sabine hatte ihrem Mann, genauso, wie er es vorausgeahnt hatte, erklärt, dass sie das Ganze nicht sonderlich interessieren würde. „Nein“, sprach Sabi, „da gehst Du mal schön alleine hin.“ (...)
(...) Charly fuhr also alleine zur MDR-Talkshow nach Leipzig und dachte dabei überhaupt nicht an Frauen. Er hatte im Zug Kopfhörer auf und nur Ohren für seine neuen Elektromusik-Songs, die er in der Nacht noch abgemischt hatte und nun in seinem MiniDisc-Player abspielte. So rechnete er auch nicht damit, dass ihm bei seiner Ankunft in dem vom MDR für seine Gäste gebuchten Leipziger Hotel an der Rezeption eine handgeschriebene Einladung einer Dame übergeben wurde. Überrascht laß er, dass diese ihm vorschlug, sich um 13 Uhr zu Füßen der Thomaskirche im „Cafe Kandler“ zu treffen. „Alter Egos passen immer gut auf ihre Gleichgesinnten auf und ich kann Dich doch bei so einem wichtigen Termin nicht alleine lassen“, hatte sie ihm geschrieben. Charly schüttelte lächelnd den Kopf.
Als Charly Davidson um Eins das Cafehaus betrat, versuchte er beim ersten Überblick vergeblich, eine ihm bisher nur aus Suhl bekanntes Gesicht zu entdecken. Dann aber fand er es, an einem Tisch, der direkt hinter der Eingangstür platziert war, und ging freudig darauf zu. „Hallo“, sagte Uschi zu ihm, stand auf und drückte Charlys Hand zur Begrüßung so fest, als wenn es um eine Verschwörung beider ginge, von der niemand im „Kandler“ etwas erahnen (...)
(...) kannten jeden der frisch gebackenen Kuchen persönlich und bedienten mit sächsischer Herzlichkeit. „Was darf‘sch den jungen Herrschaften bringen?“, fragte eine von Ihnen, die Charly nicht zu erkennen schien, obwohl er doch extra fürs Fernsehen seine Wayfarer
angezogen hatte. „Zu empfehl‘n wäre heude die säcksche Eierschecke oder unsre ausgezeichnede Bachdorde.“
Charly hatte auf der Karte den Slogan des Cafés entdeckt, „Man trinkt Tee, damit man den Lärm der Welt vergisst“, bestellte deshalb einen Earl Grey Tee und entschied sich dann für die Bachtorte. Auch Uschi bestellte sich ein Stück der Bachtorte und dazu noch einen Kaffee. „Lassn‘ses sich munden“, sagte die Bedienung, als sie die Bestellung für beide brachte.
„Überrascht, dass ich nach Leipzig gekommen bin?“, fragte Uschi die Rocklegende. „Schon“, antwortete Charly, „aber nur ein ganz klein wenig.“ „Sieh mal“, sprach Uschi „das ist heute für Dich ein großer Termin. Ich hatte ohnehin in der Nähe zu tun und da dachte ich mir, ich komme einfach mal her und überrasche Dich.“
Der Teespruch zeigte Wirkung. Vom Weltenlärm der Bach-Touristen war im „Kandler“ tatsächlich kaum noch etwas zu vernehmen, dies hatte nun die real existierende Geräuschkulisse im Café selbst übernommen. Charly sich Frau Ursula Maus dieses Mal genauer, als es ihm beim ersten Aufeinandertreffen in Suhl möglich gewesen war. Ihm fiel auf, dass ihre Zähne nicht ordentlich waren. Ihr Busen fiel ihm dagegen nicht auf, denn ein solcher schien schlichtweg nicht vorhanden zu sein. Wie konnte mir das in Suhl entgangen sein, fragte sich Charly. Uschi redete, während Charly sie weiter begutachtete, schien aber von seinen Blicken eher (...)
(...) „Du und ich, wir zwei, werden im Leben niemals zu verzweifeln brauchen“, sprach Uschi zu ihm, während er von seinem Tee trank. „Es ist mit uns wie es einst bei den Musketieren: 'Eine für alle, alle für einen'.“ Charly nickte. „Deshalb“, sagte Uschi „habe ich gestern spontan beschlossen, ab jetzt immer für Dich da zu sein, jedes Mal, wenn Du mich brauchst oder brauchen könntest.“ Uschi sah Charly dabei durch ihre Brille mit großen Augen an und er spürte, dass sie das mehr als ernst meinte. (...)
Der TV-Talk beim MDR war dann doch dröger, als Charly es erwartet hatte. Eröffnet wurde er mit einer kleinen Darbietung Peter Kuczoras auf der Klarinette, der ein Wendelied darbot, das er 1989 geschrieben hatte. Kutze, mit dem Charly eine Bekanntschaft noch aus DDR-Zeiten verband, war im Grunde auf einer Wellenlänge mit ihm, auch wenn er regelmäßig auf die speziellen Repressalien des DDR-Kulturbetriebs ihm gegenüber zu sprechen kam und ärgerlich darauf hinwies, dass sogar die GEMA sich nach der Wende nicht wirklich für wichtige Belange mancher Musikern der Ex-DDR eingesetzt hatte.
Mit Bergmann, den er seit einem TV-Gastspiel noch aus den 70gern kannte und eigentlich mochte, war es für Charly eher schwierig, denn der äußerte sich zu Sparprogrammen Im Kulturbereich, dem Subventionsauf- und Fördermittelabbau oder dazu, dass es in Deutschland „vielleicht zehn gute Liedermacher gäbe“. Ob Charly Davidson dazu gehöre, wollte Moderator Wagenbach von Bergmann wissen. „Es sieht vordergründig nicht so aus“, antwortete dieser.
„Aber ich mache doch Lieder und meine Tourneen sind Jahr für Jahr nahezu ausverkauft“, entgegnete Charly darauf. „Ich war gestern in Jessen, genauer gesagt in einem kleinen Flecken in der Nähe, in Klossa“, antwortete Bergmann ihm. „Da draußen, auf'm Dorfe, am Rand der Äcker, mitten in der Provinz, da bewegt man was. In Hallen eher nicht.“ Charly bezog daraufhin in der Sendung ebenfalls nur noch Allgemeinpositionen, redete von einem „... Überfluss an CDs im Radio. Das Vinyl wird weggeschmissen und mit ihm ein Teil der Kultur. Ich bin dafür, daß im Radio zukünftig der 'Vinyl-Gehalt' einer jeden Sendung angegeben werden muß“.
Währendem es aus seinem Mund nur so heraussprudelte, versuchte er sich beinahe fünf ganze Sätze lang vergeblich an einen von Uschis Sätzen aus deren letzter E-Mail zu erinnern, den sie ihm im „Kandler“ nochmals gesagt hatte, bevor er ihm schließlich dann doch noch einfiel.
„Ich denke, wir müssen die Breitenwirkung der Verblödung durch die Medien stoppen. Botho Strauß bringt es für mich auf den Punkt: '...man hält sich fast nur noch hinter dem Licht auf, wohin jede zweite Mitteilung einen führt.'“, sagte Charly. Das sei ein gutes Schlusswort, meinte Manfred Geißler und dann war die Sendung auch schon zu Ende. (...)
(...) In dieser Nacht geschah in Charlys Hotelzimmer nichts wirklich Unschickliches. Uschi und er quatschten Stunde um Stunde miteinander, gegeneinander, übereinander, hatten gar keine Zeit fürs Bett, noch nicht einmal für Gedanken daran, kamen sogar überein, solches überhaupt gar nicht zu wollen. „Pfui Spinne! Wer denkt denn an so was?“ entrüstete sich Uschi.
Es wurde eine richtig unschuldig-laue, grandiose Sommernacht in Leipzig. Der Vollmond war zwar nicht über Alabama aufgegangen, erleuchtet dafür aber die Skyline der Sächsischen Metropole ebenso beeindruckend wie er es auch zwischen Mississippi und Georgia kann. Charly nippte ständig am Rotweinglas, ließ zwischenzeitlich noch zwei weitere Flaschen kommen und rauchte samsabraune Zigarillos. Alles war so sehr schön, das man es schon fast „prrrächtig“ nennen konnte, wie Heiner Pudelko es immer so schön ausgesprochen hatte.
Den eigentlichen Betrug beging Charly am Morgen danach, als Sabine ihn anrief und nach dem Abend fragte und Charly ihr nur von Kutze erzählte und seine Zeit mit Uschi komplett verschwieg. (...)
(...) Von: ursula-maus@tkun.de / An: kulturecho@aol.com
Betreff: DANKE für Dein Angebot / Datum: Montag, der 4. September 2000 - 10:55:08
"Wenn andere sich loslassen, halten wir uns lieber eine Sekunde länger fest."
(Das muß ein kluger Mann sein, der so etwas dichtet)
Mein lieber K.,
es kommt durchaus vor, dass wir zwar mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, die Vergangenheit jedoch nicht mit uns - soviel wissen wir. Laß uns also versuchen, etwas Licht am Ende des Tunnels zu sehen; damit gelingt es uns vielleicht, die Wolken von unserer gemeinsamen Stirn zu verschieben und meinen Taschentuchverbrauch auf ein weniger auffälliges Maß zu reduzieren. Ein Glück, daß ich Besitzerin von Heuschnupfen zzgl. einer Erdnuss-Kreuzallergie bin! Desensibilisierung wirkt nicht immer und dann tränen mir eben die Augen!
Hin und her zu überlegen oder auch zurück, hilft uns nicht; aber so viel weiß ich über die Lebensschleifen: Auch unser zufälliges Zusammentreffen war eine Bestimmung und ohne sie wären wir nicht da, wo wir sind und dann wären wir wahrscheinlich auch nicht zwei Teile eines Ganzen! Wir hatten zwar vereinbart uns vorerst nicht wieder in Hotelzimmern zu begegnen; besser ist das sicher, aber hier geht es um meine Vergangenheit und um unsere Zukunft und deshalb laß uns lieber nicht nach einer perfekten Lösung suchen, laß uns nach einer Lösung suchen, die zu uns paßt und zu dem, was für uns wichtig ist! - Da für uns beide Disziplin, Verantwortung und Loyalität so bedeutsam sind, kann es auch nur eine wirkliche Lösung geben, wenn sie diesen Ansprüchen entspricht. Sonst könnten wir UNS später vielleicht nicht mehr sehen!
In der vergangenen Nacht hast DU in meinem Traum mit mir geredet und ich habe Dich deutlich gehört. Nimm das als ein gutes Zeichen! Es wird schon gut gehen und es wird schon nichts Falsches passieren. Ich nehme also Dein Angebot an, uns in Dessau zu treffen, gemeinsam nach meiner Vergangenheit Ausschau zu halten und uns dafür - rein aus strategischen Gründen - ein gemeinsames Hotelzimmer zu nehmen, in dem nichts geschehen wird, das wir nicht vor uns auch verantworten können.
Deine Uschi
Ist nun wirklich alles so toll und können sich die Künstler mit ruhiger Hand den wirklich wichtigen Dingen der Gesellschaft widmen, oder herrscht derzeit nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm? Manfred Geißler und Bernd Wagenbach gehen diesen Fragen mit Gästen aus Ost und West nach, als da sind: Peter Kuczora (Sänger und Autor des Ostens), Charly Davidson (Sänger und Autor aus dem Westen, der seit neun Jahren im Osten Deutschlands lebt) und Klaus Bergmann (Sänger und Autor des Westens).
Der MDR hatte Charly Davidson unmittelbar nach den drei EXPO-Sommer-Konzerten zur Nachwendediskussion ins Fernsehen eingeladen. Charly hatte es Sabine jedoch erst am Abend zuvor, während des Nina Hagen Konzertes bei der „Kulturarena“ in Jena, gesagt und sie auch gefragt, ob sie mit nach Leipzig kommen wolle. Sabine hatte ihrem Mann, genauso, wie er es vorausgeahnt hatte, erklärt, dass sie das Ganze nicht sonderlich interessieren würde. „Nein“, sprach Sabi, „da gehst Du mal schön alleine hin.“ (...)
(...) Charly fuhr also alleine zur MDR-Talkshow nach Leipzig und dachte dabei überhaupt nicht an Frauen. Er hatte im Zug Kopfhörer auf und nur Ohren für seine neuen Elektromusik-Songs, die er in der Nacht noch abgemischt hatte und nun in seinem MiniDisc-Player abspielte. So rechnete er auch nicht damit, dass ihm bei seiner Ankunft in dem vom MDR für seine Gäste gebuchten Leipziger Hotel an der Rezeption eine handgeschriebene Einladung einer Dame übergeben wurde. Überrascht laß er, dass diese ihm vorschlug, sich um 13 Uhr zu Füßen der Thomaskirche im „Cafe Kandler“ zu treffen. „Alter Egos passen immer gut auf ihre Gleichgesinnten auf und ich kann Dich doch bei so einem wichtigen Termin nicht alleine lassen“, hatte sie ihm geschrieben. Charly schüttelte lächelnd den Kopf.
Als Charly Davidson um Eins das Cafehaus betrat, versuchte er beim ersten Überblick vergeblich, eine ihm bisher nur aus Suhl bekanntes Gesicht zu entdecken. Dann aber fand er es, an einem Tisch, der direkt hinter der Eingangstür platziert war, und ging freudig darauf zu. „Hallo“, sagte Uschi zu ihm, stand auf und drückte Charlys Hand zur Begrüßung so fest, als wenn es um eine Verschwörung beider ginge, von der niemand im „Kandler“ etwas erahnen (...)(...) kannten jeden der frisch gebackenen Kuchen persönlich und bedienten mit sächsischer Herzlichkeit. „Was darf‘sch den jungen Herrschaften bringen?“, fragte eine von Ihnen, die Charly nicht zu erkennen schien, obwohl er doch extra fürs Fernsehen seine Wayfarer
angezogen hatte. „Zu empfehl‘n wäre heude die säcksche Eierschecke oder unsre ausgezeichnede Bachdorde.“Charly hatte auf der Karte den Slogan des Cafés entdeckt, „Man trinkt Tee, damit man den Lärm der Welt vergisst“, bestellte deshalb einen Earl Grey Tee und entschied sich dann für die Bachtorte. Auch Uschi bestellte sich ein Stück der Bachtorte und dazu noch einen Kaffee. „Lassn‘ses sich munden“, sagte die Bedienung, als sie die Bestellung für beide brachte.
„Überrascht, dass ich nach Leipzig gekommen bin?“, fragte Uschi die Rocklegende. „Schon“, antwortete Charly, „aber nur ein ganz klein wenig.“ „Sieh mal“, sprach Uschi „das ist heute für Dich ein großer Termin. Ich hatte ohnehin in der Nähe zu tun und da dachte ich mir, ich komme einfach mal her und überrasche Dich.“
Der Teespruch zeigte Wirkung. Vom Weltenlärm der Bach-Touristen war im „Kandler“ tatsächlich kaum noch etwas zu vernehmen, dies hatte nun die real existierende Geräuschkulisse im Café selbst übernommen. Charly sich Frau Ursula Maus dieses Mal genauer, als es ihm beim ersten Aufeinandertreffen in Suhl möglich gewesen war. Ihm fiel auf, dass ihre Zähne nicht ordentlich waren. Ihr Busen fiel ihm dagegen nicht auf, denn ein solcher schien schlichtweg nicht vorhanden zu sein. Wie konnte mir das in Suhl entgangen sein, fragte sich Charly. Uschi redete, während Charly sie weiter begutachtete, schien aber von seinen Blicken eher (...)
(...) „Du und ich, wir zwei, werden im Leben niemals zu verzweifeln brauchen“, sprach Uschi zu ihm, während er von seinem Tee trank. „Es ist mit uns wie es einst bei den Musketieren: 'Eine für alle, alle für einen'.“ Charly nickte. „Deshalb“, sagte Uschi „habe ich gestern spontan beschlossen, ab jetzt immer für Dich da zu sein, jedes Mal, wenn Du mich brauchst oder brauchen könntest.“ Uschi sah Charly dabei durch ihre Brille mit großen Augen an und er spürte, dass sie das mehr als ernst meinte. (...)
Der TV-Talk beim MDR war dann doch dröger, als Charly es erwartet hatte. Eröffnet wurde er mit einer kleinen Darbietung Peter Kuczoras auf der Klarinette, der ein Wendelied darbot, das er 1989 geschrieben hatte. Kutze, mit dem Charly eine Bekanntschaft noch aus DDR-Zeiten verband, war im Grunde auf einer Wellenlänge mit ihm, auch wenn er regelmäßig auf die speziellen Repressalien des DDR-Kulturbetriebs ihm gegenüber zu sprechen kam und ärgerlich darauf hinwies, dass sogar die GEMA sich nach der Wende nicht wirklich für wichtige Belange mancher Musikern der Ex-DDR eingesetzt hatte.Mit Bergmann, den er seit einem TV-Gastspiel noch aus den 70gern kannte und eigentlich mochte, war es für Charly eher schwierig, denn der äußerte sich zu Sparprogrammen Im Kulturbereich, dem Subventionsauf- und Fördermittelabbau oder dazu, dass es in Deutschland „vielleicht zehn gute Liedermacher gäbe“. Ob Charly Davidson dazu gehöre, wollte Moderator Wagenbach von Bergmann wissen. „Es sieht vordergründig nicht so aus“, antwortete dieser.
„Aber ich mache doch Lieder und meine Tourneen sind Jahr für Jahr nahezu ausverkauft“, entgegnete Charly darauf. „Ich war gestern in Jessen, genauer gesagt in einem kleinen Flecken in der Nähe, in Klossa“, antwortete Bergmann ihm. „Da draußen, auf'm Dorfe, am Rand der Äcker, mitten in der Provinz, da bewegt man was. In Hallen eher nicht.“ Charly bezog daraufhin in der Sendung ebenfalls nur noch Allgemeinpositionen, redete von einem „... Überfluss an CDs im Radio. Das Vinyl wird weggeschmissen und mit ihm ein Teil der Kultur. Ich bin dafür, daß im Radio zukünftig der 'Vinyl-Gehalt' einer jeden Sendung angegeben werden muß“.
Währendem es aus seinem Mund nur so heraussprudelte, versuchte er sich beinahe fünf ganze Sätze lang vergeblich an einen von Uschis Sätzen aus deren letzter E-Mail zu erinnern, den sie ihm im „Kandler“ nochmals gesagt hatte, bevor er ihm schließlich dann doch noch einfiel.
„Ich denke, wir müssen die Breitenwirkung der Verblödung durch die Medien stoppen. Botho Strauß bringt es für mich auf den Punkt: '...man hält sich fast nur noch hinter dem Licht auf, wohin jede zweite Mitteilung einen führt.'“, sagte Charly. Das sei ein gutes Schlusswort, meinte Manfred Geißler und dann war die Sendung auch schon zu Ende. (...)
(...) In dieser Nacht geschah in Charlys Hotelzimmer nichts wirklich Unschickliches. Uschi und er quatschten Stunde um Stunde miteinander, gegeneinander, übereinander, hatten gar keine Zeit fürs Bett, noch nicht einmal für Gedanken daran, kamen sogar überein, solches überhaupt gar nicht zu wollen. „Pfui Spinne! Wer denkt denn an so was?“ entrüstete sich Uschi.Es wurde eine richtig unschuldig-laue, grandiose Sommernacht in Leipzig. Der Vollmond war zwar nicht über Alabama aufgegangen, erleuchtet dafür aber die Skyline der Sächsischen Metropole ebenso beeindruckend wie er es auch zwischen Mississippi und Georgia kann. Charly nippte ständig am Rotweinglas, ließ zwischenzeitlich noch zwei weitere Flaschen kommen und rauchte samsabraune Zigarillos. Alles war so sehr schön, das man es schon fast „prrrächtig“ nennen konnte, wie Heiner Pudelko es immer so schön ausgesprochen hatte.
Den eigentlichen Betrug beging Charly am Morgen danach, als Sabine ihn anrief und nach dem Abend fragte und Charly ihr nur von Kutze erzählte und seine Zeit mit Uschi komplett verschwieg. (...)
(...) Von: ursula-maus@tkun.de / An: kulturecho@aol.com
Betreff: DANKE für Dein Angebot / Datum: Montag, der 4. September 2000 - 10:55:08
"Wenn andere sich loslassen, halten wir uns lieber eine Sekunde länger fest."
(Das muß ein kluger Mann sein, der so etwas dichtet)
Mein lieber K.,
es kommt durchaus vor, dass wir zwar mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, die Vergangenheit jedoch nicht mit uns - soviel wissen wir. Laß uns also versuchen, etwas Licht am Ende des Tunnels zu sehen; damit gelingt es uns vielleicht, die Wolken von unserer gemeinsamen Stirn zu verschieben und meinen Taschentuchverbrauch auf ein weniger auffälliges Maß zu reduzieren. Ein Glück, daß ich Besitzerin von Heuschnupfen zzgl. einer Erdnuss-Kreuzallergie bin! Desensibilisierung wirkt nicht immer und dann tränen mir eben die Augen!
Hin und her zu überlegen oder auch zurück, hilft uns nicht; aber so viel weiß ich über die Lebensschleifen: Auch unser zufälliges Zusammentreffen war eine Bestimmung und ohne sie wären wir nicht da, wo wir sind und dann wären wir wahrscheinlich auch nicht zwei Teile eines Ganzen! Wir hatten zwar vereinbart uns vorerst nicht wieder in Hotelzimmern zu begegnen; besser ist das sicher, aber hier geht es um meine Vergangenheit und um unsere Zukunft und deshalb laß uns lieber nicht nach einer perfekten Lösung suchen, laß uns nach einer Lösung suchen, die zu uns paßt und zu dem, was für uns wichtig ist! - Da für uns beide Disziplin, Verantwortung und Loyalität so bedeutsam sind, kann es auch nur eine wirkliche Lösung geben, wenn sie diesen Ansprüchen entspricht. Sonst könnten wir UNS später vielleicht nicht mehr sehen!
In der vergangenen Nacht hast DU in meinem Traum mit mir geredet und ich habe Dich deutlich gehört. Nimm das als ein gutes Zeichen! Es wird schon gut gehen und es wird schon nichts Falsches passieren. Ich nehme also Dein Angebot an, uns in Dessau zu treffen, gemeinsam nach meiner Vergangenheit Ausschau zu halten und uns dafür - rein aus strategischen Gründen - ein gemeinsames Hotelzimmer zu nehmen, in dem nichts geschehen wird, das wir nicht vor uns auch verantworten können.
Deine Uschi
_____________________________________________________
* = nachlesen kann man die noch vorhandenen E-Mails zwischen Uschi und Charly von Juni bis Oktober 2000 auf dieser Webseite des Verfassers.

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen