Donnerstag, 21. Oktober 2010

A-SEITE / Song 14: Remove Before Flight

„Vielleicht stimmt es, wenn man über mich sagt,
ich sei Deutschlands letzte Hoffnung auf den Pop-Olymp."
(Charly Davidson)

(...) Bis heute wird gemutmaßt, teilweise sogar wissenschaftlich untersucht, dass es Charly Davidson war, er den entscheidenen freiwillig-unfreiwilligen Anstoß zum Anfang vom Ende der Deutschen Demokratischen Republik gab und zwar durch eine Redewendung in einem Song seines Albums „VIEL SPASS“. Neben vielen anderen (und teils potentiell weltpolitisch schwerwiegenderen Denkanstößen) hatte Charly durch seine Single „Bis die Tage“ dafür gesorgt, dass eben jene Wortwahl „Bis die Tage“ im Sommer 1989 zwischen Schwerin und Karl-Marx-Stadt, Wernigerode und Guben zu einem geflügelten Wort bei Flüchtlingen der, in Götterdämmerung verharrenden, deutsche Zweitrepublik und damit sofort zu einer Stasi-Sache wurde. Es reichte bald, dass jemand „Bis die Tage“ sagte und schon stand er im Interesse des Ministeriums für DDR-Staatssicherheit.

In Berlin etwa meldete zum Beispiel eine Frau ihren Mann als der Republikflucht verdächtig, nur weil dieser sich von ihr mit der Bemerkung „Bis die Tage“ verabschiedet hatte, bevor er mit seinem Kumpel zum Wandern in den Harz aufgebrochen waren. Der Mann wurde unverzüglich aufgegriffen, verhaftet und später auch verurteilt. Seine Frau wiederum reichte daraufhin eine Schnellscheidung ein und zog mit den Kindern in einen anderen Stadtteil von Ost-Berlin um.

Von solchen Dingen ahnte Charly Davidson freilich nichts. Wäre dem so gewesen, hätte er wahrscheinlichheit 1990 auf seinem Album „ODYSSEUS“ (UT: „Auf Irrfahrt nach der Wende“) auch ein Lied über verratene Ideale und falsche Idole veröffentlicht. Doch auch ohne einen solchen Song stürmte das Album innerhalb von zwei Wochen, unterstützt auch durch viele Käufer aus der DDR, bis auf Platz 4 der deutschen Albumcharts. Und auch die Singleauskopplung „Königin“ platzierte sich in den Top 10 mit Position 8 als Spitzenposition. Ein neues Musikgenre erfunden, schon wieder ein Album in den Top 10, Erfolg in der ganzen neuen Bundesrepublik, dazu die Wende angeschubst und nun ein Werk über die Wende. Das war's! Nun war Charly Davidson tatsächlich zur Legende geworden, nicht einmal zehn Jahre (...).

(...) das Konzert im Jenaer Planetarium erinnerte sich Charly besonders, denn das Ambiente mit dem künstlichen Sternenhimmel inspirierte ihn spontan zu einer eigenen Version von „TUBULAR BELLS“, die er innerhalb einer Stunde nach dem Soundcheck einstudiert hatte und die enthusiastisch gefeiert wurde. Man überredete Davidson und Prosa nach dem Konzert sogar, noch einen Tag länger in Jena zu verbringen, was möglich war, denn der Folgetag war tourfrei und die Zimmer im Hotel „Schwarzer Bär“ noch nicht neu vergeben.

Karli ging am nächsten Morgen schon früh durch die Stadt, die damals noch den Flair der DDR-Zeiten hatte, aber schon vom beginnenden Aufbruch geprägt war. Erst zur Mittagszeit kehrte er zu einen verwirrt wirkenden Helmut Prosa zurück, der ihn schon hatte suchen lassen, und erklärte diesem rundheraus: „Hier gefällt es mir, ich werde nach Jena ziehen. Am Saalbahnhof
ist ein tolles Industriegelände, da kann man ein Tonstudio einrichten“ was Prosa wiederum an Charlys geistigem Gesundheitszustand zweifeln lies. Dessen gelegentlicher Größenwahn, sagte Prose einmal, sei manchmal kaum zu ertargen gewesen. Es muss jedoch zugestanden werden, dass Charly die Rocklegende war und nicht Helmut Prosa und dass ChD der damaligen Musikszene wirklich etwas zu bieten hatte, zudem auch noch jederzeit bereit, mit seinen Pfunden (und mit Geld) zu wuchern. Was er plante, war nicht mehr und nichts wenigerdie „JENAFARM“, das größte Musikstudio und Tonarchiv der neuen Fünfländer.

(...) Nun also war Charly in Deutschland auf dem Höhepunkt seiner Popularität angekommen, kokettierte ein klein wenig mit John Lennons „Jesus vs. Beatles-Vergleich“ und erklärte in einem anschließend in den deutschen Medien kontrovers diskutierten Interview mit den MUSIKER MUSIC NEWS: „Vielleicht stimmt es, wenn man über mich sagt, ich sei Deutschlands letzte Hoffnung auf den Pop-Olymp“. Licht aus: Womm! Spot an: Jaaaa! Nun war es also raus, gesagt und ausgesprochen von Charly Davidson mit seinen eigenen Worten. Was für ein Skandal! Da war das empörte „Ja, was denkt er denn, wer er ist?“ von Matthias Reim, gerade frischgekrönter Single-König des Jahres, noch eine der harmloseren Reaktionen, auch wenn Charly Jahre später einräumte, hier zu weit gegangen zu sein.

(...) Ärger in den Medien gab es für Charly diesmal allerdings nicht wegen seiner wirklich provokanten Songs sondern hauptsächlich, weil er im ursächlich nur lustig gemeinten Album-Song „Griff ins Klo“, die anstehende vierte Wiederwahl von Kanzler Helmut Kohl thematisiert hatte und vor allem anderen - dies war dann wohl der Gipfel des Frevels - wegen des „MASSENKAMPF“-Innencovers mit einer nachempfundenen FDJ-Fahne und Charlys Emblem „Das Auge der Gerechtigkeit“. Rechts schrie man „Unerhört! Eine Verherrlichung der FDJ“ und von Links gab es ein „Unerhört! Eine Verunglimpfung der Symbole der DDR“. Was so oft zuvor fruchtete, nämlich einem Produkt durch derart Publicity weiterzuhelfen, schlug dieses Mal (...)

(...) Davidson gab sich im privaten Kreis frustriert, vergaß aber in der Öffentlichkeit nicht zu erwähnen, dass es sich hierbei um sein „dreizehntes Album“ handeln würde und so etwas könne eben schon einmal schief gehen. Dann kam sein legendärer Auftritt bei Latenight-Diva Thomas Gottschalk.

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