(Marc Bolan)
(...) Mit seinen Alben „KONTAKTAUFNAHME“ und „DAS KLEINE MAL“ war Charly Davidson das gelungen, was andere ein Leben lang vergeblich versuchen: man hatte ihm einen Kulturpreis verliehen und Charly war der angesagte Liebling der bundesdeutschen Intellektuellenszene. Nun stand die Veröffentlichung eines weiteren Albums bevor, das nach dem Wunsch der führenden Kulturschaffenden des Landes eine Abrechnung mit dem Gros der Gesellschaft werden sollte, das gerade dabei war, sich in Zeiten der nuklearen Nachrüstung zu Tode zu amüsieren. Wenn überhaupt einer bei der Jugend ein Zeichen setzen kann, dann Charly Davidson, sagte man und wertete es als gutes Omen, dass das neue Album „ZEICHENSPRACHE“ heißen sollte. Auf der anderen Seite stand Charlys Plattenfirma BLUE LIPS, die von ihm eine höhere Kommerzialität eingefordert hatte als bislang. Und mittendrin stand Charly Davidson selbst, dessen künstlerisches Motto „Erwarte das Unerwartete“ war.
Wie man heute weiß, wurde „ZEICHENSPRACHE“ für das Label zum ersten großen finanziellen Erfolg der Firmenhistorie, für Davidson ein Sprungbrett in noch höhere Sphären und für die intellektuelle Elite Deutschlands ein Desaster, ein Fanal dafür, dass man Kulturprotest nicht steuern kann. Mit dem Wissen „Wie hirnlos dieses Machwerk ist: Die Texte sind etwas für Analphabeten, ihre Unverständlichkeit kein Beweis für tiefe Gedanken. Das Ganze ist meine Sache nicht.“ - ein Zitat von „Marcello Kreisch-Kranitzki“, wie Charly ihn in einer Talkshow nannte -, wirkte das (...)
(...) „Weißt Du“, sagte Lukas empört zu Charly „wir reden sonst über alles, wann wir Urlaub machen und wohin wir dann und dann fahren, Du befragst mich zur Erziehung Deiner Töchter, und das, obwohl ich schwul bin. Wir sprechen über den Titel des neuen Albums, wie wir es promoten wollen, aber über so was reden wir nicht. Nach sechs Jahren Partnerschaft, und ich bin mit Dir durch dick und dünn gegangen, sagst Du mir einfach ‚Ich habe Ronny Punk verpflichtet‘ und das war‘s. Was soll das?“Was dann als Antwort aus Charlys Mund gekommen war, verletzte Lukas zutiefst. Charly sah ihn an und sagte dann: „Wenn’s Dir nicht passt, dann kannst Du ja kündigen“. Lukas war gelähmt. „Ich will das nicht, die Plattenfirma will das nicht, keiner will das. Aber wenn Du mit der Sache nicht zurecht kommst, dann geh doch einfach“. Das und nichts anderes, so schwor Lukas später, sagte Charly damals zu ihm.
Doch Lukas Linde wollte nicht gehen, er wollte kämpfen und solche Energie führt oft und so auch in diesem Fall zu außergewöhnlichen künstlerischen Ergebnissen. Luke präsentierte Charly in den kommenden Monaten jede Woche eine neue musikalische Idee und jeder Song war besser als der zuvor vorgestellte. „Dolmetscher“, „Der Weg zurück“, „Kaleidoskop“, „Man soll nicht alles machen, was gut riecht“ und vor allem „Buschmann“ waren grandiose Kompositionen, für die Charly schnell die geeigneten Texte (...)
(...) Während der „Mann soll nicht alles machen, was gut riecht“-Tour 1984 hatten Charly und Luke Waffenstillstand geschlossen, aber einen Tag nach dem Tour-Ende im August hatte Charly dann seinen Freund Lukas zum Gespräch gebeten und ihm eröffnet, dass es so nicht mehr weiter gehen könne, listete ihm alle Defizite auf und meinte, dass der Auftritt in Kassel, den der HESSISCHE RUNDFUNK im Rahmen seiner „RockTour“-Serie im Radio gesendet hatte, der letzte für Lukas als Charlys Begleiter gewesen sei.
Auf die Frage eines geschockt-überraschten Lukas Linde, ob er schon „einen Neuen“ habe, log Charly und sagte: „Ich mache jetzt erst einmal eine kreative Pause“.
Nur eine Woche darauf brach Charly auch mit Alf und BLUE LIPS, die sich gerade Gedanken machten, wie viel Geld man Charly bezahlen müsse, damit dieser den am 31. Dezember auslaufenden Vertrag mit BLUE LIPS verlängern würde (das erste Angebot hatte Charly abgelehnt). In Köln unterschrieb Charly im August 1984 statt dessen einen Drei-Jahres-Vertrag mit der GLOBA, dem zweitgrößten Deutschen Label, dem später noch insgesamt drei Fünf-Jahres-Verträge folgen sollten. Damit wurde Charly zwischen 1985 und 2002 zu einem der bestbezahlten nationalen Künstler.

Bei der Vertragsunterzeichnung stellte er auch gleich als neuen Partner einen gewissen Helmut Prosa vor, einen jungen talentierten, rothaarigen Gitarristen, Songschreiber und Musikproduzenten mit eigenem Studio aus Wien, der zuvor mit Falco gearbeitet und den Charly im Sommer für sich auserwählt hatte. In der Frankfurter „Batschkapp“ hatte sich Helmut Prosa ganz genau den vorletzten Auftritt von Lukas angesehen und Charly, der ein aufmerksamer Zuhörer war, gleich nach Konzertende die Defizite von Lukas Linde präzise aufgezählt, die Charly Luke fast ohne eigene Ergänzung aufgelistet hatte.
Damit war die Trennung besiegelt und Lukas und Charly sprachen anschließend fast zwanzig Jahre lang kein einziges Wort mehr (...)

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