Doch können wir siegen
Für immer und immer
Und wir sind dann Helden für einen Tag“
(David Bowie und Antonia Maaß)
Für immer und immer
Und wir sind dann Helden für einen Tag“
(David Bowie und Antonia Maaß)
Charly setzte zu einem Spagat an, von dem ihm seine Umgebung dringendst abriet, wagte ihn trotzdem, und behielt wider jede Logik Recht. Da er ihn überlebte und sogar noch stärker hieruas hevorging, machte er dies fortan zu einer seiner Lebensregeln und nannte es „Expect The Unexpected“ - „Erwarte das Unerwartete“.Sein Abitur hatte Karli mit einer eher mäßigen Gesamtnote geschafft, weshalb er auch nicht an die Frankfurter Goethe-Universität gehen wollte und konnte, wie es sich seine Mutter so sehr von ihm gewüscht hatte und wofür sie ihm einen weißen VW-Käfer gekauft hatte. Dafür tat der Junge seinen Eltern kund, er wolle sich an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung/HfG zum Studium einschreiben und gleichzeitig eine eigene Musikband gründen und Geld verdienen. Die Familie war entsetzt, aber Charly ließ gegen diese Entscheidung keinen Widerspruch zu, egal wie stark seine Eltern dies auch versuchten; er zog es durch. Damit begann er seinen Spagat zwischen Daseinsvorsorge und künstlerischem Drang, der ihn bis zu seinem Tod beschäftigte, begann im August an der HfG sein Studium der Produktgestaltung und gründete im
Sommer die Elektro-Folkband CHARLY DAVIDSON AND FRIENDS.Mit CDAF wollte Charly - wie der Bandname bereits vorwegnahm - ein Programm mit Folk- und Rocksongs plus Synthesizer-Musikelementen auf die Beine stellen und dabei sowohl englische als auch deutsche Texte singen. Vor allem seine Lieblingssongs von Dylan bis TYRANNOSAURUS REX wollte er in eigenen deutschen Übersetzungen an den Mann und die Frau bringen. Soweit der Plan. Woher aber die FRIENDS in seiner Band kommen sollten, das war Charly allerdings noch nicht klar. (...)
(...) hatte Charly dann noch für einen recht stolzen Geldbetrag, den er sich von seiner Mutter geliehen hatte , den legendären TELEFUNKEN Echo-Mixer von KW abgekauft, den Ralf Hütter und Florian Schneider-Essleben bis 1974 bei ihren Bühnen-Auftritten benutzt hatten und den Schulz im Auftrag verkaufen sollte. Nun war Charly Davidsons improvisiertes Tonstudio „Offenbacher Neue Energie/O.N.E.“ bereit für größere Taten und die damals mit den drei Mikros und dem TELEFUNKEN Pult aufgezeichneten Livemitschnitte Charlys von CDAF und den anderen Musikclub-Schlachthof- Bands besitzen noch heute eine herausragende Tonqualität , wovon ich mich oft, wenn ich Charly und seine Frau besuchen kam, selbst überzeigen konnte.
(...) machte Charly seinen bereits erwähnten Besuch in Berlin bei David Bowie und Brain One und kehrte danach wohlbehalten wieder nach Offenbach zurück, wobei dann erst einmal der Besuch eines Liedermacherseminar anstand, bei dem sich Charly für einen „Werkstattkurs“ für Mundartlieder angemeldet hatte. Dabei lernte Charly den Liedermacher-Veteran Jo Mateiko kennen, der wie er in Offenbach lebte und ein ebenso lustiger wie betagt-entspannter Lebenskünstler war. Auf dem seinerzeit in der Lokalpresse abgedruckten Foto ist Jo Mateiko gut zu erkennen, verdeckt allerdings Charly, den man aber trotzdem an seinem ROCK BOTTOM T-Shirt in der Bildmitte ausmachen kann.Jo erinnerte Charly immer an den alten Ben Gunn aus Stevensons Schatzinsel, eine Art verlotterten Robinson Crusoe. „Schaut Euch die Menschenmumien an“, sagte Jo und führte dabei theatralisch die Hand über die Augen, „wie sie herumkrabbeln im Irrwitz der Welt. Ich dagegen wurde einst als Greis geboren und von Tag zu Tag werde ich jünger!“. Charly konnte kaum noch vor Lachen und es sollte noch knapp zwanzig Jahre dauern, bis er feststellte, dass Jo auch nur mit Wasser gekocht hatte und sich diese Idee aus einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgeralds ausgeliehen war. Nach Joes Tod schrieb Charly über ihn den Text „King Joe Mateiko“.
(...) Mateiko revanchierte sich, was Beleg für sein aufrichtiges Herz war, für Charlys Unterstützung, indem er ihn Ende 1977 als Sänger an eine Frankfurter Politrockband namens FLIESSBAND vermittelte. Über vierzig neue Songs hatte Charly da schon geschrieben und gab ohne lange nachzudenken seine Band auf, um Polit-Rockstar zu werden, wenn auch nur auf den Bühnen von Gewerkschaftshäusern, „Rock gegen Rechts“-Veranstaltungen und SPD-Festen. Politrock war Ende der 70er Jahre durchaus ein ernst zu nehmender Zweig der deutschen Musikkultur. Bands wie FLOH DE COLOGNE, LOKOMOTIVE KREUZBERG, IHRE KINDER, FRANZ K. oder TON, STEINE, SCHERBEN waren politische Institutionen, zu denen Charly auch noch das GRIPS-Theater aus Berlin zählte (...)
(...) „ELEKTROMUSIK“ enthielt die frühen Aufnahmen von ihm mit seinen eigenen Synthesizern, „LAST CHANCE“ hatte er hauptsächlich mit seinem neuen ARP-Axxe Synthesizer eingespielt, der bei MUSIK-RENZ von den CDAF-Gagen angeschafft wurde, und war mit Hilfe eines ausgeliehenen ARP-Sequencers verfeinert worden, den Charly Davidson wenig später in Ratenzahlung erwarb. Die FRIENDS merkten daran, dass sich Charly langsam von ihnen abnabelte und suchten sich daher ihre eigenen neuen Betätigungsfelder, Bands oder Berufe. Charly selbst, so einer aus der Band später, hatte das Gespräch über die Auflösung der Band vermieden, hatte ihnen auch nichts von seinem Entschluss „pro FIESSBAND“ erzählt und war irgendwann einfach nicht mehr zu vereinbarten Proben erschienen. Aber man habe in seinen Erzählungen schon gemerkt, dass ihn die mögliche große Karriere als FLIESSBAND-Sänger fasziniert habe. In der Tat: Charly Davidson wollte mehr, wollte höher hinaus, am Besten ganz nach oben, wickelte deshalb CDAF und PRELUDE schnell und endgültig mit der Cassette „LAST SONGS“ ab, war damit offen für das Neue, das Unerwartete.Und das erwartete Unerwartete kam auf Charly zu in der Gestalt dreier Menschen, die ihn danach weite Strecken seines kommenden Lebens begleiteten: Sabine Stern, Lukas Linde und meine Wenigkeit. Wie man sich vielleicht erinnert, geschah all dies an einem warmen Sommerabend im Juni 1978, als ich nach Frankfurt-Fechenheim fuhr, um dort im selbstverwalteten Jugendzentrum die Politrockband FLIESSBAND mit ihrem Sänger Charly Davidson live zu erleben.

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