Montag, 20. September 2010

A-SEITE / Song 5: Eine Brille macht noch keinen Sänger

„Wer durch Brillen sieht,
hält sich für klüger, als er ist.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

Sehilfen begleiteten Charly Davidsons Leben, seit in seiner Jugend bei ihm Übersichtigkeit (wissenschaftl.: Hyperopie, landläufig: Weitsichtigkeit) festgestellt wurde und ihn „weitsichtig“ zu nennen, dagegen hätte er niemals Protest eingelegt. Man könnte fast sogar sagen, dass die Brille sein Markenzeichen war, das fast alle Cover seiner Singles in irgendeiner Weise dominierte und sogar 1988 auf der Hülle der Platte prangte, mit der er das Vereinigte Königreich eroberte und die Lounge-Musik erfand.

Als Junge trug er die in der 60er-Jahren üblichen Hornbrillen, die wegen ihrer außen, am Rahmen und den Bügeln genieteten Scharnierbefestigungen, den „Wayfarer“-Brillen aus der amerikanischen Brillenwerkstatt Bausch & Lomb recht ähnlich sahen. Seine erste echte „Wayfarer“ bekam Karl David Korff im Juni 1969 von seinem Schulfreund Rob Archer geschenkt, bevor dieser in die Staaten zurück musste. Karli fand, dass sie ihm besser auf der Nase saß, als seine deutschen Sehhilfen, auch wenn eines der beiden Sonnenbrillengläser schon einen Sprung hatte. Deshalb wanderte die „Wayfarer“ getreu ihres Namens auch lange Zeit lang mit ihm herum, zuerst nach Dänemark, Schweden und Norwegen und anschließend durch sein weiteres Leben und Charly ließ sich als Rockstar immer wieder neue Ray Ban-Brillen an sein Näschen anpassen, auch wenn er hin und wieder auch fremd-sah und (...)

Als die „KONTAKTAUFNAHME“ Ende Februar 1982 als BLUE LIPS RECORDS Nummer BL 8203 in die Plattenläden kam, war Charly vom sofortigen Erfolg seines Debutalbums mehr als überzeugt. Dass sich in Berlin gerade zur selben Zeit eine Dame namens Gabriele Susanne Kerner daran machte, einen Stein loszutreten, der mit gewaltiger Wucht in den germanischen Musiktümpel fiel und die Neue Deutsche Welle verursachte, ahnte er nicht.
Fast schien es, als hätte sich das von ihm auf der Coverrückseite verewigte Botho Strauß Zitat »All unsere glücklichen und vergeblichen Versuche, uns mit der Welt zu verständigen, uns zu berühren und zu beeinflussen, die ganze Artenvielfalt unserer Erregungen und Absichten fallen der Ödnis und der Monotonie eines soziotechnischen Kurzbegriffs zum Opfer« bewahrheitet, denn die „KONTAKTAUFNAHME“ lag wie Blei in den Regalen.

»Natürlich war ich vom sofortigen Erfolg überzeugt. Ich war ein scharfer Beobachter der gegenwärtigen Realität, kam dazu aus dem politischen Rockbusiness, hatte eine gute Band, einen guten Freund als Produzenen und den besten Toningenieur, den man sich in Frankfurt vorstellen konnte. Auch wenn Eberhard Panne, der gerade in seinem Studio das erste Album von IDEAL abgemischt hatte, von Euphorie abrieten. Aber diese Möglichkeit, das jetzt noch allen zugrunde gehen könnte, schloss ich konsequent aus. Und das sich alles, was ich erreichen wollte, mit der Neuen Deutschen Welle entschleunigen würde, das sah ich nicht. Eine gute Brille macht eben noch keinen Hellseher.«

Doch so schnell wollten BLUE LIPS und Charly Davidson nicht aufgeben und deshalb veröffentlichte man Ende Mai 1982 die „KONTAKTAUFNAHME“ ein weiteres Mal, nun mit einem höherem Werbebudget als im Februar, und diesmal funktionierte die Sache halbwegs. Album und ausgekoppelte Single „Längerfest / Viva Caro“ wurden von den Kritikern wohlwollend aufgenommen und die Stadt Göttingen zeichnete Charlys Wortwitz sogar aus, als sie ihm im Herbst 1982 den mit 3.000,-- DM dotierten Kleinkunstpreis „Goldene Liese“ zusprach.

Obwohl hochschwanger, nahm Sabine Korff sichtlich stolz an der Übergabe der Auszeichnung teil. Die Laudatio hielt der Niedersächsische Kultusminister, der sich den Fauxpas leistete, Charly als britischen Musiker, der hervorragend mit der deutschen Sprache umgehe, zu bezeichnen, was, zur Verwunderung des Minsters, zu erheblicher Heiterkeit des Publikums geführt hatte. Charly bedankte sich mit den Worten: „Als Roy Black der Rockmusik nehme ich den Preis gerne entgegen. Lang lebe Deutschland“.

(...) Bei BLUE LIPS nahm man die positive Kritik auf Charly Davidsons zweites Alben durchaus zur Kenntnis und stellte den 26-jährigen als intellektuelles Aushängeschild des Labels dar. Andererseits wurde Alf Riederwald im Frühjahr 1983 nach Frankfurt zu Davidson geschickt und forderte mit Album Nummer Drei endlich „ein klein wenig mehr finanziellen Erfolg“ ein, wie er es ausdrückte, damit BLUE LIPS nicht immer nur „draufzahlen müsse“.

Charly hatte ihm damals nichts darauf entgegnet und bloß zustimmend genickt, ganz so wie ein Kind, das mit unendlicher Energie versucht hatte, alles richtig zu machen, das am Ende aber trotzdem von seinen Eltern ausgeschimpft wurde. Nach außen wirkte er unverändert hart, innen jedoch war Charly tief verletzt worden. Man wollte also tatsächlich von ihm, den eingeschlagenen Weg zu verlassen. Was sollte er statt dessen tun? Auf 'Neue Deutsche Welle' machen? „Ich bin tief verletzt, dass man die Messer wetzt, auf mich die Hunde hetzt, mein Genie unterschätzt.“ notierte er in sein Tagebuch und schrieb anschließend die Ur-Fassung seines späteren Hits „Ich-Falle“. Es war für ihn, sagte er mir später, tatsächlich so, als hätte BLUE LIPS ihm den Boden unter den Füßen weggezogen und er stürze zurück in die Zeit, als er nach Deutschland gekommen war: ein Außenseiter, ohne Freunde und ohne der deutschen Sprache richtig mächtig zu sein.

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