Von Osseo, jenem Magier, der vom Abendstern herabkam.“
(Henry Wadsworth Longfellow)
(Henry Wadsworth Longfellow)
Es ist Sommer 1978; der "Herbst", den die deutsche Gesellschaft während des RAF-Terrorismus fühlte, hatte bleibende Schäden hinterlassen, war aber langsam am Abklingen, die politischen Kräfte in der Bundesrepublik räumten auf, Franz Josef Strauß machte sich daran, Bundeskanzler zu werden.In einem Radiosendung des Hessischen Rundfunks war zu Beginn des Jahres ein merkwürdiger Mensch vorgestellt worden, der, 'bewaffnet' mit Mundharmonika, Gitarre und Cowboyhut, lässig Songs seiner Helden Bob Dylan, CSN&Y und Marc Bolan klampfte und in eigenen Textübersetzungen sang. Interessant ist dieser Auftritt aber vor allem wegen der Interview-Passagen zwischen den Songs, denn hier war schon seine Fähigkeit zu erkennen, konkreten Fragen auszuweichen, sie rätselhaft zu beantworten und ins Absurde zu drehen und damit den eigenen Mythos zu pflegen. Und nichts deutete in der Sendung von Diether Dehm-Lerryn darauf hin, dass dieser Mann nur wenige Wochen später als Sänger zur lokalen Politrockband FLIESSBAND stoßen und ins politische Fach wechseln sollte. Schließlich war Charly Davidson, so hieß der Mensch, bisher im Frankfurter Raum nur als Elektronik-Folk-Sänger bekannt gewesen. Doch das sollte sich bald ändern.
(...) Fälschlicherweise angekommen in einem Jugendzentrum im alten Fechenheimer Rathaus, direkt über der Polizeiwache gelegen, schaute ich mich dort etwas ratlos um, denn die Bühne gegenüber dem Tresen war leer und im ganzen Raum hielten sich nur sechs oder sieben Gäste auf. Wann denn „die Band“ auftreten würde, fragte ich etwas irritiert die junge Dame hinter der Theke. Während sie mich verwundert anschaute, stellte ich fest, dass sie wohl Anfang Zwanzig war und, trotzdem ihre Dauerwellenfrisur nicht mein Fall war, recht gut aussah. Sie war sicher nicht der Typ von Frau, auf die jeder Mann ohne länger nachzudenken geblendet zufliegt. Dafür war sie etwas zu klein und nicht schlank genug. Aber sie hatte durchaus ein hübsches Gesicht, das mich nun freundlich anlächelte.„Heute tritt hier keine Band auf“, antwortete sie mir. Ich widersprach. „Aber im JuZ soll doch heute Abend eine Politrockband spielen, FLIESSBAND.“ „In den zwei Jahren, in denen ich hier kellnere“, sagte sie zu mir, „habe ich schon viele Bands hier spielen sehen, aber eine Politrockband ist bei uns hier noch nie aufgetreten“, sprachs und spülte weiter ihre Gläser, fügte dabei aber an: „Liegt wohl daran, dass hier im Haus die Polizei sitzt. Ich heiße übrigens Sabine, genannt Sabi“.
Ich schaute auf die Uhr. Genau jetzt hätte der Auftritt beginnen sollen. Statt dessen bestellte ich bei Sabi artig ein Bier, trank es schnell aus, bedankte mich und überlegte, wie ich mich mit dem Auftritt von FLIESSBAND so hatte irren können. „Gibt es hier in Frankfurt noch ein Fechenheim?“, fragte ich sie schon halb im Weggehen. Sabi lachte laut. „Nee“, bekam ich zur Antwort, „aber noch ein Jugendzentrum“. Sabi lachte danach noch einen Tick lauter und das ganz herzlich und gar nicht verletzend und beschrieb mir den Weg (...)
Als ich in Begleitung von Charly ins Fechenheimer Jugendzentrum im Rathaus zurückkehrte, stand Sabine immer noch hinter dem Tresen und arbeitete. Ich lächelte ihr zu. „Das ist Sabi...und das ist Charly“, stellte ich beide einander vor. „Charly ist Sänger der Politrockband, die ich vorhin bei Euch gesucht habe“, sagte ich zu ihr.„Nice to meet you“, sagte Charly zu ihr, salutierte kurz, wobei ich bemerken konnte, wie Sabine leicht errötete. Gut sah er ja damals wirklich aus. Groß, schlank, mit langen Haaren, irgendwie verwegen, gerade in Öl auf Leinwand gebannt von G. Hubert Neidhart; Johnny Depp als „Jack Sparrow“ war im Vergleich ein Dreck gegen ihn.
(...) „Du hast mich da auf eine Idee gebracht. Warum nennen wir uns nicht CHARLY DAVIDSON UND BEGLEITUNG.
Später können ja noch mehr Leute in das Projekt mit einsteigen. Wir machen das wie bei CHARLY DAVIDSON AND FRIENDS“.Und so geschah es dann auch. Als Charly im Sommer 1980 nach mehr als zwei Jahren aus finanziellen Gründen bei FLIESSBAND ausstieg, gingen Lukas und er das Projekt BEGLEITUNG nun konsequent an und entwickelten als erstes Projekt ein Kleinkunstprogramm mit literarischen Texten, kleinen elektronischen und mechanischen Gimmicks sowie deutschen Songs plus gelegentlichen englischen Nummern.

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen