„Wenn jemand zu uns kommt und uns erzählt,auf dem Mond wachsen Erdbeeren,
beginnen wir sofort, ihn davon zu überzeugen,
daß dies doch nicht möglich sei, anstatt uns zu fragen,
warum ihm solch absonderliches einfiele,
unsere Aufmerksamkeit zu erlangen.“
(Siegmund Freud)
Der Gewölbekeller des Jugendzentrums war fensterlos und seit Jahren Probe- wie Auftrittsraum für viele Frankfurter Bands. Die Atemluft in ihm war stickig und es roch süßlich nach einer Mischung aus verschüttetem Bier und Zigaretten. Charly, damals, im Sommer 1978, Sänger der Politrockband FLIESSBAND, schritt, einen dunkelgrünen, sargähnlichen Koffer mit seiner HOHNER Orgel in der Hand die Treppe hinunter, gertenschlank wie er damals war, lang gewachsen und auf der Nase eine viel zu große Brille. Auf der kleinen Bhne angekommen, stellte er den Koffer ab, begrüßte seine Mitmusiker, zog die schwarze Lederjacke aus, lockerte seinen Kopf indem er ihn hin und her schüttelte und trat dann langsam an den Mikrofonständer. Einen Raunen ging durch den Keller, dann begannen um mich herum die Gespräche zu verstummen.

Jeder andere Sänger hätte nun wahrscheinlich „Test, Test, Test“ oder „Eins, zwei, drei“ ins Mikrofon gerufen. Nicht so Charly Davidson. Sein Soundcheck war, wie seine ganze Person, anders. Er trat ans Mikrofon, zog es mit seiner rechten Hand etwas zu sich hin und grölte sodann mit voller Stimme ... einen Seeräuber-Shanty:
„Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste, yo-ho-ho-heh … und ‘ne Buddel voll Rum! Sie trinken bis sie der Teufel holt ... yo-ho-ho-heh ... ‘ne Buddel voll Rum“
Das war SEIN Soundcheck, Charlys Markenzeichen, unverwechselbar bis zuletzt. Jedes Mal aufs Neue erstaunte er so - sehr zum Amusement der Eingeborenen - die Neuankömmlinge in seiner Welt und wurde von ihnen, wie auch von mir an diesem Abend, gefragt, warum er das denn sänge, worauf Charly Davidson in einer stets schlecht gespielten Verlegenheit erwiderte:
„Weil ich in Wales geboren wurde. Im Brawdy Cottage, das früher der Gasthof 'Admiral Benbow' war, von wo aus Jim Hawkins nach Bristol aufbrach, um von dort zur Schatzinsel zu segeln.“
Und dann lachte er. Es war jenes abgehackte diabolische Lachen, das ich damals zum ersten Mal hörte und das nur Charly Davidson so beherrschte. Ein perfekt einstudiertes Lachen, das später auf vielen seiner Platten und bei Konzerten zu hören war und bald so bekannt war, dass man ihn gelegentlich sogar für Fremdproduktionen engagierte, allein wegen dieses Lachens.Um zu versuchen, Charly Davidson und sein Leben zu verstehen, ist es notwendig, auf die britischen Inseln zu gehen und Wales zu besuchen, genauer gesagt die felsige Küste Pembrokeshires bei Newgale, zu einer Zeit, als der II. Weltkrieg ...
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